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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE KAISERIN FÜRCHTET DIE ENGLANDREISE

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Erwartung des russischen Kaiserpaars und dem Usus der Höfe begleitetedie Deutsche Kaiserin die russische nicht an die Bahn. Sie rechtfertigte dieseUnterlassung mit ihrer dekolletierten Toilette. Der wirkliche Grund war,daß Kaiserin Auguste Viktoria als gute Protestantin der russischen Kusineihren Konfessionswechsel nicht verziehen hatte und, davon abgesehen,deren englische Allüren nicht liebte.

Am 20. November 1899 wurde die Kaiserreise nach England angetreten.Die Mehrheit im Reichstag und noch mehr die große Mehrheit des deutschen AbreiseVolkes bedauerte und mißbilligte diese Reise. Die Kaiserin war bis zum Wilhelms II.letzten Augenblick bestrebt, sie zu verhindern. Sie schrieb mir noch nac ^^ n S^ an '^vierzehn Tage vor dem Antritt der Reise:Was wird nun werden? Ichhatte von Ihrem gestrigen Hiersein gehofft, daß England nun ins Wasserfiele. Wir können doch wirklich nicht hin. Ich habe Ihrem Wunsch gemäßdem Kaiser bisher nichts gesagt aber nächstens brennt einem der Bodenunter den Füßen. Ich fürchte, es wird dem Kaiser kolossal im Landeschaden, wenn wir wirklich reisen. England will uns doch nur benutzen.NatürUch ist es furchtbar schwer für den Kaiser, aber ich glaube, im Grundewäre er doch gern die Sache los. Ich bin gespannt auf Ihre Antwort." DieHofdamen Ihrer Majestät sprachen davon, wie traurig, ja schmählich eswäre, daß wir England in dem Augenblick besuchten, wo der englischeMammonismus" die frommen und tapferen Buren zu erwürgen trachte.Der Kaiser war lange in unsicherer Stimmung. Ich erklärte ihm, daß ich dieReise vor dem Reichstag verantworten und decken würde.

Wenige Tage vor meiner Abreise nach England erhielt ich einen Briefunseres Botschafters in London, des Grafen Paul Hatzfeldt , vom 11. No- Verlraulichvember, in dem es hieß:Chamberlain ist und bleibt ein Faktor, mit dem m ' ( Chamber-

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wir rechnen und den wir warmhalten müssen, und ich halte deshalb fürdringend wünschenswert, daß Eure Exzellenz ihm hier, wenn irgend mög-lich, Gelegenheit zu einer vertraulichen Aussprache geben. Dabei ist abermeines Erachtens zu berücksichtigen, daß jetzt schon in den Kreisen desForeign Office eine unverkennbare Gereiztheit über die demselben wohl-bekannten Nebenverhandlungen besteht, obwohl Salisbury selbst mir diesbis jetzt in keiner Weise gezeigt hat. Es würde sich daher empfehlen, einevertrauliche Besprechung zwischen Eurer Exzellenz und Chamberlain so ein-zurichten, daß sie nicht zur Kenntnis Lord Salisburys gelangt.In bezug auf den Besuch Seiner Majestät in England darf ich wohl EureExzellenz nochmals ganz vertraulich darauf hinweisen, wie wünschenswertes im Interesse der Sache ist, daß Seine Majestät wenigstens die Einladungzum Herzog von Devonshire annimmt. Ich kann in dieser Hinsicht nichtgenug hervorheben, welche ungünstige Wirkung der beabsichtigte Besuchdes Kaisers bei Lord Lonsdale in allen beteiligten Kreisen und namentlich