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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE SCHULDEN DES LORDS LONSDALE

auch bei der Königin ausübt. Unter seinen eigenen Standesgenossen erfreutsich Lord Lonsdale einer sehr geringen Achtung, und das allgemeine, mirlängst bekannte Urteil über ihn läßt sich dahin zusammenfassen, daß erniemals und unter keinen Umständen ein wahres Wort spricht. Hiervonabgesehen, ist die Königin entsetzt darüber, daß Lord Lonsdale, der tief inSchulden steckt und für den letzten Kaiserbesuch eine Million Mark aus-gegeben haben soll, durch den jetzt beabsichtigten Besuch in neue Schuldenverwickelt werden wird. Diese Auffassung teilt der Prinz von Wales voll-ständig, und ich glaube, es anführen zu müssen, wenn wir auch auf ihn viel-leicht weniger Rücksicht zu nehmen brauchen. Andererseits wird mirbestimmt versichert, daß die Königin sich mit dem Besuche versöhnenließe, wenn es nicht der einzige ist und wenn Seine Majestät außerdem dieEinladung nach Chatsworth-House, dem Schloß des Herzogs von Devon-shire, annimmt. Letzteres scheint mir, wie ich bereits ausgesprochen habe,auch an sich mit Rücksicht auf die Stellung des Herzogs und seiner Frauund die letzthin von beiden an den Tag gelegte deutschfreundliche Gesin-nung besonders wünschenswert. Jedenfalls möchte ich dringend um einebaldmöglichste telegraphische Entscheidung darüber bitten, da der Herzog,so prachtvoll Chatsworth auch sein soll, doch einige Vorbereitungen zutreffen hat, die ein paar Tage erfordern würden. Zu amtlichen Berichtenüber die Situation und den Krieg in Südafrika fehlt es mir an Zeit, und ichkönnte auch nur wiederholen, daß man hier fest entschlossen ist, den Kriegohne Rücksicht auf Opfer an Menschen und Geld siegreich zu Ende zuführen. Es darf angenommen werden, daß die Erklärung Lord Salisburys beidem vorgestrigen Lordmayors-Diner, wonach England keine Interventiondulden würde, den Gefühlen des überwiegenden Teils der öffentlichen Mei-nung vollständig entspricht und daß ein etwaiger Versuch Frankreichs und Rußlands , sich jetzt oder später in die Lösung der südafrikanischenFrage einzumischen, entschieden zurückgewiesen werden würde. MeineBesorgnis ist, wie ich hinzufügen darf, nur, daß Frankreich und Rußland einen solchen Versuch weder zusammen noch gesondert unternehmenwerden. Unsere Aufgabe scheint mir, wenn ich eine Ansicht darüber aus-sprechen darf, durch unsere Interessen vorgeschrieben zu sein. Wir müssenmit beiden Teilen, Rußland und Frankreich auf der einen und England aufder anderen Seite, möglichst gute Beziehungen unterhalten, ohne fürden einen oder anderen Partei zu ergreifen, solange sie nichtin Konflikt miteinander geraten. Tritt dieser Fall ein, der mit derZeit wohl kaum ausbleiben kann, sei es in Asien oder anderwärts, so wirdes in der Hand Seiner Majestät des Kaisers Hegen, wie ich mir mehrmalserlaubt habe Allerhöchstdemselben mündlich vorzustellen, den Ausschlagzu geben und Seine Bedingungen dafür zu stellen. Hier besteht sowohl bei