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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE DEUTSCHEN ENGLÄNDERINNEN

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der Königin als auch bei ihrem Hofstaat die Absicht, den deutschen Gästen die größte Liebenswürdigkeit zu zeigen. Zu berücksichtigen ist nur,daß die geselligen Sitten hier viel freiere und von den unsrigen sehr ver-schieden sind. Es kommt daher hier viel weniger auf den individuellenRang der einzelnen Persönlichkeit an, und ein Oberst oder General wirdnicht anders behandelt wie ein Leutnant, wenn man sich gegen den einenoder anderen freundschaftlich erweisen will. Dies liegt in der landesüblichenSitte und durchaus nicht in böser Absicht. Wenn Eure Exzellenz daraufeinwirken können, daß die Umgebungen Seiner Majestät in dieser Hinsichtkeine unnötige Empfindlichkeit an den Tag legen, würde dies zum Erfolgdes Besuches wesentlich beitragen."

Die Herzogin von Devonshire, frühere Herzogin von Manchester , wareine geborene Deutsche , eine Gräfin Alten, Schwester des langjährigenFlügeladjutanten Kaiser Wilhelms I. und Kommandeurs der Garde-ducorps, Grafen Karl von Alten , der unter dem NamenChevalier" in derBerliner Gesellschaft der siebziger und achtziger Jahre eine bekanntePersönlichkeit war. Von seinen Schwestern war die älteste mit dem rus-sischen Gesandten in Brüssel, Grafen Bludow, verheiratet, die zweite dieFrau des hochverdienten, unter Kaiser Wilhelm I. sehr einflußreichen Chefsdes Militärkabinetts, des Generals von Albedyll. Die vierte Schwester hattenacheinander den Grafen August Grote auf Breese , meinen Vetter Detlevvon Bülow-Gorow und den Fürsten Luigi Colonna-Stigliano geheiratet. Siehat viel von sich reden gemacht. Die dritte Schwester heiratete in erster Eheden Herzog von Manchester , in zweiter den Herzog von Devonshire. Siehatte sich in England gesellschaftlich und politisch eine große Stellunggemacht, sie stand dem Prinzen und der Prinzessin von Wales nahe, und ihrGatte hörte auf ihre Meinung und ihr Urteil. Der Earl of Lonsdale gehörtewie Mr. Poultney-Bigelow, Herr von Koscielski, Fürst Albert von Monaco,Fürst Max Fürstenberg , der Präsident Roosevelt, die französischen Gene-räle Lacroix und Bonnal in die lange Reihe der Personen, für die KaiserWilhelm II. heftig schwärmte, an denen er aber nicht viel Freude erlebt hat.

Bei unserer Landung in England , die am Vormittag des 20. Novembererfolgte, empfinguns der Herzog von Connaught, derdritte Sohn derKöni- Landung ingin Victoria, ein vornehm denkender, liebenswürdiger, von freundlichen England Gefühlen für seinen Neffen, den Kaiser, wie für Preußen und Deutschland erfüllter Prinz. Um so antideutscher war seine Gemahlin, eine Tochter desPrinzen Friedrich Karl von Preußen . Ich frug einmal gelegentlich denKaiser, was seine Kusine und Tante, die Herzogin Louise von Connaught,sagen würde, wenn bei einem englischen Hoffest oder einer distinguiertenGarden party ein preußischer General sich ihr nähern und ihr seine Freudeausdrücken würde, vor der Tochter des Siegers von Düppel, von Königgrätz

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