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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DYNASTIEN UND NATIONAL GEFÜHL

und von Metz zu stehen. Der Kaiser meinte:Das würde Louischenscheußlich unangenehm sein." Ich frug den Kaiser weiter, was die KaiserinAlexandra Feodorowna von Rußland sagen würde, wenn ein deutscher Offizier dieser Kusine des Deutschen Kaisers seine Genugtuung darüberaussprechen würde, daß sie die Tochter eines im Krieg von 1870 hoch-bewährten deutschen Fürsten und Heerführers wäre.Das würde Alixgreulich sein", meinte der Kaiser. Ich erzählte ihm nun eine kleine Erinne-rung aus meiner römischen Botschafterzeit. Als die Herzogin von Aosta ,eine geborene Prinzessin von Orleans , nach ihrer Vermählung mit einemitalienischen Prinzen in Rom das Diplomatische Korps empfangen sollte,hätte ich neben dem französischen Botschafter Billot gestanden. Dieserhabe mir gesagt, er sähe der Vorstellung mit einiger Neugier entgegen, dennabgesehen vom Sturz des Julithrons im Jahre 1848 sei der Bruder derHerzogin von Aosta, der Herzog Philipp von Orleans, soeben aus Frank-reich verbannt worden. Als nun der französische Botschafter der Tochtereiner aus Frankreich exilierten Dynastie vorgestellt wurde, ergriff dieHerzogin seine Hand mit den Worten:Je suis bien heureuse de voirl'ambassadeur de France, je suis Francaise et fiere d'etre Francaise." Alsder Empfang zu Ende war, meinte der Botschafter nicht ohne Stolz, undmit berechtigtem Stolz:Nos femmes fran^aises sont patriotes, qu'ellessoient servantes ou princesses." Ich frug den Kaiser, wie es käme, daßunsere deutschen Prinzessinnen oft ganz anders wären als die französischen,englischen, russischen und italienischen Prinzessinnen, als die Fürsten-töchter aller anderen Länder. Er meinte, das hinge wohl mit dem schwä-cheren Nationalgefühl des Deutschen zusammen. Dagegen habe ich denleidenschaftlichen Herbert Bismarck gelegentlich sagen hören, der Mangelan Patriotismus bei den ins Ausland geratenen deutschen Prinzessinnenund Prinzen käme daher, daß das deutsche Volk mit seinem schwachenNationalgefühl es nie verstanden habe wie das französische bei verschie-denen Anlässen, wie das englische gegenüber Karl I. und Jakob IL, dasitalienische während des Risorgimento, das spanische mit der KöniginIsabella und Don Carlos, das schwedische mit den Wasas, das russische inVerschwörungen und Attentaten, eine seine Fürsten einschüchterndeSprache zu führen. Tatsache ist leider, daß auch während des Weltkriegesdie Königin Elisabeth von Belgien, eine Wittelsbach, die Königin Marievon Rumänien, eine Wettin aus dem Koburger Zweige, die PrinzessinnenViktoria, Elisabeth und Alix von Darmstadt , die Töchter des uraltenHauses Brabant-Hessen, ihr deutsches Vaterland ostentativ verleugneten.Die Königin Mary von England , eine Teck-Württemberg, die HerzoginHelene von Albany, eine Waldeck , die Großfürstin Jelissaweta Mawri-kiewna, eine Wettin aus dem Altenburger Zweig, trugen solche Gesinnung