DER BLAUE FRACK MIT GOLDKNÖPFEN
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wenigstens nicht mit Lust zur Schau, die Großfürstin Maria Pawlowna ,eine Prinzeß von Mecklenburg , erst am Abend ihres Lebens. Es ist traurig,feststellen zu müssen, daß im deutschen Volk, und nur im deutschen Volk,Mangel an Nationalstolz und an Nationalgefühl sich oben, in uralten deut-schen Fürstenhäusern, ebenso breitmachen darf wie unten, in den Niede-rungen des Kommunismus.
Neben dem Herzog von Connaught stand am Landungskai ein Herr inblauem Frack mit goldenen Knöpfen, der dem Kaiser sogleich unangenehmauffiel. Denn in England fühlte sich Wilhelm IL, wenigstens in allenÄußerlichkeiten, ganz als Engländer, und der Engländer zieht bekanntlichvormittags keinen Frack an. Der Herr im Chiffrefrack war der deutscheBotschaftsrat Graf Karl Püekler, ein taktvoller, vorsichtiger Diplomat,mit Erfahrung und mit guten Manieren, dazu ein ausgezeichneter Musiker,was ihm in der Gesellschaft viele Herzen gewann. Aber er war sehr kurz-sichtig, und das gab ihm etwas Ängstliches und Verlegenes. Ich riet ihmfreundschaftlich, sich einen Paletot anzuziehen, dann würde sein Vor-mittagsfrack Seine Majestät nicht wieder entsetzen. Er hatte aber leiderseinen Überzieher unterwegs verloren und begegnete in dem Sonderzug, deruns nach Windsor trug, noch zweimal dem Kaiser in seinem ominösenFrack. In Windsor war großer Empfang an der Bahnstation, bei dem derPrinz von Wales die Königin vertrat, worauf wir im Schlosse abstiegen.
Windsor ist mit dem Neuen Palais in Potsdam für mich das schönsteSchloß der Welt. Gewiß schlägt mein preußisches Herz höher in dem vonunserem großen König nach dem Siebenjährigen Krieg erbauten Schloß,in dem Kaiser Friedrich seine edle Seele aushauchte. Windsor ruft aber nochältere und größere Erinnerungen wach als irgendein deutsches Schloß undist an Pracht der Einrichtung, Schönheit der in seinen Galerien aufgehäng-ten Gemälde und Reiz der Umgebung unvergleichlich. Wilhelm II. ärgertedie Herren seiner militärischen Umgebung jeden Morgen dadurch, daß erauf den Turm von Windsor deutend ihnen zurief: „Von diesem Turm auswird die Welt regiert." Richtig war, daß sich in Windsor die gewaltigenErinnerungen der englischen Geschichte und die gewaltige Macht des eng-lischen Weltreichs verkörpern. Nachdem er die ihm angewiesenen Apparte-ments bezogen hatte, ließ mich der Kaiser zu sich bitten und sagte mirmit glückseligem Ausdruck: „Dies ist der schönste Einzug und der er-hebendste Eindruck meines Lebens. Hier, wo ich als Kind an der Handmeiner Mutter bescheiden und scheu die Herrlichkeiten anstaunte, weileich heute als Kaiser und König."
In diesem Augenblick wurde dem Kaiser ein Telegramm gebracht, dasdie Meldung enthielt, die Arbeitswilligen-Vorlage wäre im Reichstag nichteinmal an eine Kommission überwiesen, sondern in zweiter Lesung trotz
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