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AUCH SALISBURY NICHT FÜR ALLIANZ
1. Bei ihm persönlich habe ich bis jetzt keinerlei Gereiztheit wegenunserer Beziehungen zu Chamberlain bemerkt. Wenn sie überhaupt besteht,so ist sie gegen Chamberlain, nicht gegen uns gerichtet. Außerdem glaube ichjetzt als feststehend betrachten zu dürfen, daß Salisbury die Verständigungmit uns über Samoa schließlich selbst gewünscht hat. Er hat mir noch inunserer letzten Unterredung nach dem Abschluß wiederholt versichert, daßSamoa nach seiner Uberzeugung für England keine Bedeutung habe. Dieeinzige Schwierigkeit, mit der er dabei zu kämpfen gehabt habe, sei immernur die Abneigung Australiens und Neuseelands , auf die man hier, wie dieSachen einmal lägen, Rücksicht nehmen müsse, gegen die Abtretung an unsgewesen. Es scheint übrigens, daß der Abschluß nicht allein durch die Ein-wirkung Mr. Chamberlains herbeigeführt worden ist. Nach einer strengvertraulichen Mitteilung des österreichischen Botschafters hat LordSalisbury ihm kurz vor der Paraphierung gesagt, daß der Abschluß zustandekommen werde, da Ihre Majestät die Königin es so haben wolle.
2. Zu den Eigenheiten Lord Salisburys , mit welchen wir, solange er ander Spitze steht, schließlich rechnen müssen, gehört es, daß er eine positiveAngst empfindet vor persönlichen Erörterungen und vor Ansprüchen, dieer nicht im voraus berechnen kann. Dies bezieht sich namentlich auf eineUnterredung mit Seiner Majestät, welche ihm große Sorge bereitet, wirdaber meines Erachtens, obwohl er es sorgfältig verheimbchen wird, auch beider Unterhaltung mit Eurer Exzellenz zu berücksichtigen sein. Ich habebereits nach Möglichkeit vorgebaut, indem ich ihm noch in unserer letztenUnterredung sehr deutbch zu verstehen gab, daß unser Zweck bei Regelungder Samoa-Frage lediglich und ausschließlich darin bestanden habe,die Möglichkeit fernerer Friktionen aus dem Wege zu räumen und dadurchgute Beziehungen zu ermöglichen. Wenn man hier keine Allianzenwolle (er stimmte dem lebhaft zu), so entspreche dies vollständigunseren Wünschen und unserer Auffassung. Wenn Eure Exzellenzdies im Laufe der Unterhaltung mit einem Wort bestätigen wollen, so wirddies Lord Salisbury voraussichtlich vollständig beruhigen und zu offenerund freundschaftbcher Aussprache veranlassen. Diese Wirkung würde nocherhöht werden, wenn Seine Majestät der Kaiser auf Eurer Exzellenz Rat dieGnade haben will, in der Unterhaltung mit Lord Salisbury ein Wort in demgleichen Sinn fallen zu lassen.
3. Aus einer Äußerung Lord Salisburys in unserer letzten Unterhaltunghatte ich den Eindruck, daß er einen baldigen Konflikt zwischen Japan und Rußland zwar nicht für wahrscheinbeh hält, diese Hoffnung aber des-halb nicht aufgibt. Er stellte die Möglichkeit keineswegs in Abrede und be-merkte nur, daß Japan mit seiner Flotte noch nicht fertig sei und daß diesetwa noch zwei Jahre in Anspruch nehmen werde.