GREY ANGELT
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der englischen Kinderstube, welche die beste der Welt ist, bis zu dem durchfortgesetzte körperliche Bewegung gestählten Engländer im Mannesalterund selbst in ganz vorgerückten Jahren fand ich alles in England gesund.Mit so wohlgenährten, starken Leibern und einem so starken National-gefühl läßt sich schon etwas ausrichten. Die Engländer sind in Wahrheitein Herrenvolk, dem, im Gegensatz zum deutschen, bei dem die angeboreneFarbe der Entschließung nur zu oft von des Gedankens Blässe angekränkeltwird, der Wille zur Macht politisches Motiv und Ziel ist. Bei einer Vater-landshebe, die nicht so sehr zur Schau getragen wird wie die der Bomanen,aber vielleicht noch unerschütterlicher ist, verbindet der Engländer ge-sunden Menschenverstand (common-sense), wie ihn kein anderes mir be-kanntes Volk besitzt, mit verständiger und nützlicher Verachtung dergrauen Frau Theorie. Der Engländer hat nicht so viel gelernt wie meist derDeutsche, aber dafür ist sein Gehirn ausgeruhter. Der junge Deutsche, dereine deutsche Unterrichtsanstalt verläßt, ist allerdings an Kenntnissen demZögling einer englischen Schule überlegen. Aber für die Ausbildung desCharakters, für die Erziehung des künftigen Staatsbürgers leistet die eng-lische Schule mehr, der es im Hinblick auf den „struggle for life" unter denVölkern in erster Linie darauf ankommt, dem Lande tüchtige, männliche,durch und durch national und patriotisch gesinnte Bürger zu stellen. EinEngländer sagte mir einmal, die Gewohnheit des ,,Week-end" trüge dazubei, daß auch der englische Politiker nicht so gehetzt und nervös wäre wieder kontinentale. Als 1908 die bosnische Krisis in ein akutes Stadium trat,war während mehrer Tage der damalige Minister des Äußeren Sir EdwardGrey nicht aufzutreiben, da er in Schottland angelte und verboten hatte,daß ihm irgend etwas nachgeschickt würde, sich auch jeden Besuch ver-beten hatte. Er wollte ungestört seiner Lieblingsbeschäftigung, dem An-geln, nachgehen. Ich gebe zu, daß nur der Minister eines durch das Meergeschützten Landes sich eine solche Dickfelligkeit gestatten konnte. Daßder Engländer seine Sitten, seine Sprache, seine Gewohnheiten der ganzenWelt aufzwingt, daß er in Homburg und Sorrent , in Ceylon und SydneyLawn-Tennis und Golf spielt, ist ein Zeichen von Kraft; sein Festhalten analten Gewohnheiten, Überlieferungen und Einrichtungen ein Beweis vonPietät gegenüber der Vergangenheit, ohne die es kein großes Volk gibt.Vorbildlich ist vor allem die Einigkeit des Landes, sobald es gegen dasAusland geht, das robuste Gewissen, mit dem jede Differenz mit dem Aus-land in bulldoggenartiger Steifnackigkeit ausgefochten wird nach demGrundsatz: Bight or wrong, my country! Aber andererseits auch die Ver-träglichkeit, mehr als dies, die Noblesse im inneren Parteikampf.
Während meiner Beichskanzlerzeit wurde in meinem Hause einmal überMusik gesprochen. Ein anwesender jüngerer deutscher Diplomat erging sich