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in bewundernden Ausführungen über englische Konzerte. Der gleichfallsanwesende englische Schriftsteller Sidney Whitman, ein guter Kenner undbis zum Weltkrieg ein Bewunderer von Deutschland , der auch im Hausedes Fürsten Bismarck verkehrt hatte, der Verfasser der bekannten Bücher„Imperial Germany " und „The Habsburg Bealm", meinte lächelnd: „VonMusik verstehen wir Engländer nicht viel, wir sind durchaus unmusikalisch,im kleinsten deutschen Nest wird bessere Musik gemacht und ist mehr wirk-liches Verständnis für diese Kunst vorhanden als in England in allen eng-lischen Häusern after dinner und selbst in Londoner Konzerten. Aber aufanderen Gebieten sind wir euch Deutschen über: wir haben ein verträg-licheres, ein viel vornehmeres innerpolitisches Leben als ihr." Und nunerzählte er einen Vorgang, dem er im englischen Parlament beigewohnthatte. Der Sohn von Joseph Chamberlain sollte seinen Maiden-speech imUnterhause halten. Als der junge Mann, sichtlich befangen, einige Minutengesprochen hatte, sah Mr. Gladstone zum Sprecher des Hauses auf underbat das Wort. Nun war Chamberlains Vater wohl der Mann, von demGladstone in seinem Leben am grausamsten enttäuscht, am bitterstenangegriffen und bekämpft worden war. Unruhig rückte Chamberlains Vaterauf seinem Sitz hin und her in der Meinung, daß Gladstone seinen Spröß-ling übel zurichten würde. Der alte Gladstone aber erhob sich, nachdem derjunge Chamberlain seine Bede beendigt hatte, um mit seiner wohllautendenStimme das Haus dazu zu beglückwünschen, daß wieder einmal, wie so oftin der englischen Geschichte, ein hervorragender Vater einen seiner wür-digen Sohn dem Parlament und dem Lande geschenkt habe. Darin läge,wie in allem, was die Kontinuität fördere, eine der Grundlagen der eng-lischen Größe. Er hoffe, daß dem Sohne Chamberlains eine seines Namenswürdige und dem Lande nützliche Laufbahn bevorstehe. Nebenbei gesagt,hat sich dieser Wunsch des greisen William Gladstone erfüllt. Als Glad-stone so sprach, lief Joseph Chamberlain eine Träne über die Wange, wieman behauptet, die einzige, die er in seinem Leben vergossen habe. „Undnun", schloß Mr. Sidney Whitman, „vergleichen Sie mit diesem Schauspieldie Szene, als Herbert Bismarck als Staatssekretär im Beichstag debütierteund Fortschrittler, Sozialisten und Zentrumsleute, Eugen Bichter an derSpitze, durch Zwischenrufe und Lachen den Sohn des größten deutschen Staatsmannes aller Zeiten in Verlegenheit zu bringen suchten." Als ichdiese Beminiszenz vernahm, dachte ich an jenes Wort, das der französischeBotschafter in Berlin sprach, als 1895 der Deutsche Beichstag dem FürstenBismarck die Ehrung zu seinem achtzigsten Geburtstag verweigerte: „LesAllemands diront et feront ce qu'ils voudront, ils ne seront jamais un grandpeuple."
Bevor ich England verließ, schrieb ich dem Fürsten Hohenlohe und