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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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EDUARD VII . UND DAS DEUTSCHE PUBLIKUM

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und Holstein

Herrn von Holstein längere Briefe, in denen ich ihnen meine Eindrücke Bülow anmitteilte. Ich schrieb unter anderem:Die englischen Politiker kennen Hohenlohewenig den Kontinent. Manche von ihnen wissen von kontinentalen Zu-ständen nicht viel mehr als wir von den Verhältnissen in Peru oder Siam.Sie sind auch nach unseren Begriffen ziemlich naiv in ihrer unbefangenenSelbstsucht wie in einer gewissen Vertrauenssehgkeit. Sie glauben schweran wirklich böse Absichten der anderen, sie sind sehr ruhig, sehr pomadig,sehr optimistisch. Der südafrikanische Krieg regt die Leute in Berlin mehrauf als die Londoner politischen Kreise. Kein Mensch zweifelt daran, daßEngland gut aus der Affäre herauskommen wird. Das Land atmet Reich-tum, Behäbigkeit, Zufriedenheit und Vertrauen in die eigene Kraft undZukunft. Man merkt, daß die Leute nie den Feind im Lande gesehen habenund gar nicht glauben können, daß es je wirklich schief gehen könnte, wederim Innern noch nach außen. Mit Ausnahme von wenigenleading men"arbeiten sie wenig und lassen sich zu allem Zeit. Es ist ein physisch undmoralisch sehr gesundes Land. Im allgemeinen ist es zweifellos, daß dieStimmung in England viel weniger antideutsch ist als die Stimmung inDeutschland antienglisch. Darum sind diejenigen Engländer für uns amgefährlichsten, die wie Chiroll und Saunders aus eigener Anschauung dieSchärfe und Tiefe der unglücksebgen deutschen Abneigung gegen England kennen. Wenn das englische Pubbkum über die in Deutschland gerade jetztherrschende Stimmung klar sähe, würde das eine große Wandlung in seinerAuffassung des Verhältnisses von Deutschland zu England herbeiführen."Diese Wandlung trat bei einem der maßgebendsten Engländer, dem damali-gen Prinzen von Wales , erst ein, als er, König geworden, bei dem Besuch,den er Ende Februar 1901 seiner sterbenden Schwester, der KaiserinFriedrich, in Cronberg abstattete, deutschen Boden betrat und ihm dortin der Presse und selbst bei seiner Reise durch Deutschland von Seiten desauf den Bahnhöfen versammelten Publikums eine wahre Welle von poli-tisch sinnloser, aber nach deutscher Art erschreckend intensiver und tieferAbneigung gegen England entgegenbrandete.

Ich füge endlich noch den amtbchen Bericht bei, den der BotschafterGraf Hatzfeldt über den Verlauf des Kaiserbesuchs in England unter dem2. Dezember 1899 an den Reichskanzler Hohenlohe richtete:Von demüber Erwarten harmonischen Verlauf der Festtage des AllerhöchstenBesuchs in Windsor und Sandringham haben Eure Durchlaucht bereitsNachricht erhalten. Ich möchte indes nicht versäumen, auch meinerseitsder festen Zuversicht Ausdruck zu geben, daß der unter so glücklichenAuspizien wiederhergestellte herzbehe Verkehr zwischen unserem erhabe-nen Monarchenpaar und seinen hohen Anverwandten auch für die Zukunftsegensreiche Folgen mit sich bringt, insofern er dazu beitragen wird, das