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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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CHAMBERLAIN S EHRGEIZ

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welchem bei der derzeitigen Inferiorität unserer maritimen Macht keindeutscher Patriot ohne Bedenken entgegensehen könnte. Ich kann hier-nach meine Beurteilung der hiesigen Stimmung dahin zusammenfassen,daß das englische Volk und seine Organe in ihrer Mehrheit den kaiserlichenBesuch nicht mißverstanden, seine Bedeutung nicht aufgebauscht und zu-gunsten der afrikanischen Politik verwertet haben, daß sie vielmehr unsereNeutralität respektieren und unsere Nichteinmischung dankbar anerkennen,im übrigen aber nicht den Versuch machen, die Freiheit unserer Bewegungirgendwie beeinträchtigen zu wollen, sondern nur wünschen, die kommen-den, sei es kolonialen, sei es europäischen Fragen im Einverständnis mituns zu lösen. Der Besuch Seiner Majestät des Kaisers in England hat daher,weit entfernt, uns nach einer Bichtung die Hände zu binden, unsere Aktions-freiheit unberührt gelassen, während im entgegengesetzten Falle eine Ent-fremdung eingetreten wäre, welche uns schon mit Bücksicht auf unserekolonialen Interessen keineswegs erwünscht sein könnte. Uber die vor-stehend von mir hervorgehobene maßvolle Haltung in der hiesigen Presseund in den Hof- und Begierungskreisen ist inzwischen Mr. Chamberlain,von welchem es am wenigsten zu erwarten war, in seiner Bede in Leicester hinausgegangen, indem er darin die Frage einer Allianz mit Deutschland offen und unverhüllt aufstellte. Ich muß es mir vorläufig noch versagen,über die Motive dieses Vorgehens eine bestimmte Meinung auszusprechen,die sich vorläufig nur auf Vermutungen begründen Heße, und darf mir des-halb vorbehalten, auf diese Frage später zurückzukommen. Dagegen möchteich schon hier an die mehrfach von mir ausgesprochene Ansicht erinnern,daß Mr. Chamberlain zwar ein sehr fähiger und schlauer Geschäftsmann,aber durchaus kein Diplomat ist, der sich in seinen Handlungen durchbestimmte Begeln begrenzen läßt. So groß sein persönlicher Ehrgeiz ist, sodarf doch meines Erachtens nicht angenommen werden, daß er sich aus-schließlich dadurch leiten und nicht gleichzeitig durch bestimmte politischeUberzeugungen leiten läßt. Sein Gedanke einer AlHanz mit Deutschland und Amerika ist aber, wie Eure Durchlaucht sich erinnern wollen, durch-aus kein neuer, und er hat denselben schon vor längerer Zeit in geheimenUnterredungen mit mir, über die ich damals ausführlich berichtet habe,wiederholt besprochen. Wenn er heute damit vor die Öffentlichkeit tritt,so beweist dies meines Erachtens, daß er auch in dieser Frage den größtenTeil des Kabinetts hinter sich zu haben glaubt und daß er ferner den Zeit-punkt für gekommen hält, das englische Publikum, welches bisher vorjeder Allianz zurückschreckte, an den Gedanken einer solchen zu gewöhnen.Für keineswegs ausgeschlossen halte ich, daß er dabei aus persönbchemEhrgeiz den Zweck verfolgt, es zum Bruch mit Lord Salisbury zu treiben unddenselben aus dem Sattel zu heben, um sich an seine Stelle zu setzen. Nach

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