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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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338 BEIM PRINZEN VON WALES

meiner Überzeugung ist Lord Salisbury trotz mancher Vorwürfe, die ihm inder eigenen Partei gemacht worden sind, noch keineswegs als ein politischfertiger Mann zu betrachten, den die Konservativen ohne weiteres würdenfallen lassen, solange er nicht selbst den Wunsch zeigt, sich zurückzuziehen.Überdies kann aber Mr. Chamberlain auch darüber nicht im Zweifel sein,daß es selbst bei einem Rücktritt des jetzigen Premierministers noch rechtzweifelhaft sein würde, ob er sich mit Sicherheit als Nachfolger desselbenbetrachten könnte. Wenn ich mir dies alles vergegenwärtige, bin ich durch-aus nicht abgeneigt anzunehmen, daß Mr. Chamberlain, als er seine Redeüber die Allianz hielt, die prinzipielle Zustimmung Lord Salisburys dazubereits in der Tasche hatte oder aber von der Überzeugung ausging, daß esihm wie in der Samoa-Frage mit Hilfe der Majorität seiner Kollegengelingen würde, den Premierminister zum Eingehen auf seine Wünsche zubestimmen. Für uns kann es, soweit ich mir ein Urteil gestatten darf, nurnützlich sein, wenn Mr. Chamberlain, ohne daß wir unsererseitsirgendeine Verpflichtung übernehmen, an der Hoffnung festhält,daß wir uns schließlich noch bestimmen lassen werden, auf seine Wünschebezüglich einer Allianz oder doch einer intimen Verständigung einzugehen.Solange er an dieser Hoffnung festhält, wird er uns in den voraussichtlichnoch auftauchenden kolonialen Fragen Entgegenkommen zeigen und wiein der Samoa-Frage seinen Einfluß im Kabinett und speziell auf LordSalisbury für uns geltend machen müssen. Graf Hatzfeldt."

Die Kaiserin war, wie schon ihre Briefe an mich gezeigt haben, sehr un-gern nach England gegangen. Sie hatte England nie gebebt und liebte esauch jetzt nicht. Aber bei ihrem ausgesprochenen Pflichtgefühl unterzogsie sich den zum Teil recht ermüdenden Anforderungen eines solchenfürstlichen Besuchs mit großer Liebenswürdigkeit und ohne je irgendwelcheüble Laune zu zeigen.

Von Windsor begaben wir uns nach Sandringham , dem Landsitz desPrinzen von Wales , der Wert darauf gelegt hatte, daß sein Neffe ihmdort einen Besuch abstattete. Sandringham ist eines der reizendstenLandgüter, die ich kenne. Selbst in England , das par excellence dasLand der schönen Edelhöfe ist, von den prächtigsten Schlössern derWelt bis zu den reizenden Villen und behaglichen Cottages, würde manschwerlich ein Haus finden, das den raffiniertesten Luxus mit so viel Kom-fort verbindet. Der herrliche Park mit seinen prächtigen Eichen undBuchen, seinem unvergleichlich schönen Rasen, den Rhododendron-büschen, den sauberen Kieswegen und lebendigen Hecken machte jedenSpaziergang zu einem Genuß. Jobanna Schopenhauer, die launische undvielschreibende Mutter des großen Philosophen, macht in irgendeinem ihrerBücher die treffende Bemerkung, daß die englischen Gärtner wahre Land-