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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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EINE SEHR LAUTE FRÜHSTÜCKSREDE

Gespräch zu verwickeln und abzulenken. Aber der dicke Konsul Jenssen(Gott sei Dank eine brave, ehrliche Haut!) bekam den ganzen Anprall derkaiserlichen Rede, die diesmal so laut geführt wurde, daß mindestens sechsHerren sie hören mußten." Prinz Albert von Holstein war der Sohn desPrinzen Christian von Augustenburg , des Oheims der deutschen KaiserinAuguste Viktoria, aus seiner 1866 geschlossenen Ehe mit der PrinzessinHelene von England, der dritten Tochter der Königin Victoria . Sein ältererBruder war für den englischen Dienst bestimmt worden und fiel, wenn ichmich nicht irre, als englischer Offizier während des Burenkrieges. Derjüngere Sohn, Prinz Albert, wurde nach Darmstadt geschickt, wo er bei denhessischen Dragonern eintrat. Er sprach Deutsch mit einem ausgesprochenenglischen Akzent, Wesen und Manieren waren bei ihm ganz englisch, unddie Umgebung des Kaisers glaubte, daß er alles, was er hörte, nach England berichte. Während des Weltkrieges bheb er aber in Deutschland , nachdemder Kaiser ihn dem Gouverneur von Berlin für besondere Aufträge atta-chicrt hatte, und klagte in seinem etwas komischen Englisch -Deutsch überdie fatale Lage, in die er durch den Krieg zwischen seinenbeiden Vater-ländern" gekommen sei. Der Kaiser hatte ihn übrigens von vornhereinvom Frontdienst dispensiert. Herr Jenssen war deutscher Wahlkonsul inChristiania .

So sprach Wilhelm II. 1899 über die sozialdemokratische Partei undBewegung. Ich habe bis zu meinem Rücktritt, also während der folgendenzehn Jahre, direkt und indirekt manche ähnliche Ausbrüche erlebt. Ichhabe dem Kaiser immer erwidert, daß, wenn er gegen die sozialdemokrati-sche Bewegung mit Ausnahmegesetzen und Gewaltmaßregeln vorgehenwolle, er den Fürsten Bismarck nicht hätte fortschicken sollen. Dieser, derSchöpfer der deutschen Reichsverfassung, der Geber des allgemeinen undgleichen Reichstagswahlrechts, der Baumeister des Reichs, wäre dereinzige gewesen, der eine solche Gewaltkur mit einer gewissen Aussichtauf Erfolg hätte durchführen können. Nachdem Fürst Bismarck seinenPlatz hätte räumen müssen, bliebe nichts anderes übrig, als die sozial-demokratische Bewegung ohne Bruch der Reichsverfassung, ohne Gewalt-maßnahmen und, wenn irgend möglich, auch ohne Ausnahmegesetze zuüberwinden. Dies sei, wie ich glaube, geistigen Bewegungen gegenüberüberhaupt der beste Weg. Festigkeit und Mut gegenüber jedem Versuchder Sozialdemokratie, Verfassung und Gesetze zu verletzen, sei selbst-verständlich die erste Pflicht der Regierung. In dieser Beziehung könne ersich absolut auf mich verlassen. Im übrigen aber ruhiges, verständiges undmöglichst geschicktes Regieren: In hoc signo vincemus. Solche nach Pulverund Blei riechenden Äußerungen des Kaisers waren übrigens nicht immerernst gemeint. Sie sollten mehr dem Zuhörer imponieren, vielleicht auch,