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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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WIE EIN ELEMENT"

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wenn weitergetragen, abschreckend wirken. Ein fester, und namentlich einkonsequenter Wille stand nicht dahinter. König Albert von Sachsen, mitdem ich schon als Staassekretär über diesen Punkt sprach und der für dieGefahr der sozialdemokratischen Bewegung, die er gerade in Sachsen ausnächster Nähe beobachten konnte, volles Verständnis besaß, sagte mir:Lassen Sie sich auf keine Experimente in dieser Richtung ein, ohne daßIhnen der Kaiser schriftlich verspricht, daß er bei der Stange bleiben wird.Sonst springt er ab. Und selbst dann sind Sie seiner noch nicht ganz sicher."Acht Jahre nach jenen Konversationen auf derIiohenzollern" hatte ichdie sozialdemokratische Reichstagspartei von über 80 auf 43 Reichstags-sitze zurückgedrängt, ihr den Wind aus den Segeln genommen und denbürgerlichen Parteien eine feste Mehrheit gesichert. Ein derartiger, für dasWohl des Staatsganzen wie für die Stellung der Monarchie immerhin nichtunbeträchtlicher Erfolg kam aber bei Seiner Majestät nicht auf gegenüberder persönlichen Ranküne, die seit dem November 1908, von Neidern undStrebern genährt, in ihm gegen mich lebte. Ich mußte gehen. Unter meinemNachfolger brachte es denn auch die Sozialdemokratie bei den Wahlen von1912 auf 111 Mandate.

Über andere Gespräche und Vorgänge auf der Nordlandreise meldetemir Philipp Eulenburg, der ein in Frankreich häufiges, in Deutschland Wilhelmselteneres Talent besaß, anregende und unterhaltende Briefe zu schreiben: u ^ eTJeden Tag bin ich der Meinung, daß nun Ruhe sei. Aber das Leben einesKaisers von der Art unseres lieben Herrn wirkt wie ein Element. Es ist eineWolke, die bald weiß, bald grau, bald schwarz ist und Regen, Hagel,Sturm und besonders viel Elektrizität enthält . . . Heute gab uns derKaiser eine sehr interessante Schilderung von Cecil Rhodes . Des DeutschenKaisers Aufgabe, habe ihm Cecil Rhodes gesagt, sei die Gewinnung undErschließung von Mesopotamien. Der Kaiser müsse die Bahn durch Klein-asien nach dem Euphrat bauen und den Landweg nach Indien. Er, Rhodes,sei beim Studium der Geschichte zu diesem Resultat gekommen. Der Kaiserwäre ja auch nicht nach Jerusalem wegen der paar heiligen Orte gegangen.Er habe andere Ziele gehabt. ,Ich gestehe', rief der Kaiser aus, ,ich warperplex. Ich sagte ihm, auch meine Gedanken gingen diesen Weg. LieberRhodes, Sie haben es erraten! Ich baue diese Bahn und werde die uraltenKulturländer wieder der Welt erschließen!' Der Kaiser fuhr fort: ,Rhodessagte mir, er habe niemals Angst gehabt in seinem Leben, aber sein Herzhabe geklopft, als er zu mir eintreten sollte. Dann aber sei ihm wohl ge-worden, als er mich voller Verständnis für seine Pläne fand. Rhodes hatseit seiner Unterredung mit mir so sehr nach Deutschland herüberge-schwenkt, daß er während des Samoastreites zu Salisbury ging und diesemderart grob wurde, daß dieser heute noch daran denkt.' Ich muß gestehen,