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DER HASS GEGEN DEN TOTEN BISMARCK
daß mich diese lange Rede Seiner Majestät total elend gemacht hat. Inseinem äußeren Wesen hat sich der Kaiser während der elf Jahre seinerRegierung sehr beruhigt. Wir, die wir nun zum elften Male die Nordlands-reise machen, haben von dieser Änderung einen zu frappanten Eindruck,geistig aber hat sich nicht die geringste Wandlung vollzogen. Er ist unver-ändert in seiner explosiven Art, sogar härter und plötzlicher in einem Selbst-gefühl gereifter Erfahrung — das keine Erfahrung ist. Seine Individualitätist stärker als die Wirkung der Erfahrung. Das könnte eine Umschreibungfür etwas anderes sein — doch ist es nicht etwas anderes. Er gehört nichtin unser Zeitalter, wie es zu allen Zeiten Naturen gegeben hat, die aus demRahmen ihrer Epoche heraustraten. Echte Genialität modelt die Zeitnach sich, schwächere Geister wurden zerrieben. An der Spitze eines Staats-wesens müssen so stark eigenartige Naturen Konvulsionen erzeugen — undwir steuern der Zeit entgegen, wo eine Entscheidung kommen wird, ob dieEpoche oder der Kaiser stärker sein wird. Ich fürchte, daß er unterliegt,denn seine Kraft ruht momentan schon mehr in der Geschicklichkeit seinerRatgeber, speziell in der Deinen. Wenn er es einsieht, daß er durch Dichgroß werden kann — könnte ihm die Palme malgre lui zuteil werden!"So Philipp Eulenburg .
Eine große Rolle spielten bei den Gesprächen auf der „Hohenzollern"Wilhelm II. die nach dem Tode des Fürsten Bismarck erschienenen „Gedanken und>er Bismarck Erinnerungen", die den Kaiser in hohem Grade gereizt und verstimmthatten, obwohl der dritte Band damals noch nicht publiziert worden war.Eulenburg schrieb mir hierüber: „Der Kaiser sagte, daß er über die eigent-lichen Gründe der Entlassung des Fürsten Bismarck während seiner Lebens-zeit nichts sagen wolle. Er motivierte dies mit den Worten: ,Ich kann undwill dem deutschen Volk nicht seine Ideale rauben.' Aber wenn seineRegierungszeit gewissermaßen Geschichte geworden sei, bei seinem Tode,solle das deutsche Volk erfahren, weshalb er sich von Bismarck getrennthabe. Der Kaiser von Österreich und die Königin von England besäßenjetzt schon in ihren Privatarchiven die motivierende Aufzeichnung, die erbeiden Souveränen quasi zu seiner Rechtfertigung geschrieben habe. Das,Testament an das deutsche Volk', welches die Richtigstellung derEntlassung enthalte und gleich nach seinem Tode publiziertwerden solle, habe er an Scholl diktiert; es läge in seinem privaten eiser-nen Schränkchen. Ich ließ in Gedanken die Wirkung, die dieses Testamenthaben wird, in meinem Geiste vorüberziehn, aber ich mochte dem gutenKaiser nicht die Illusion rauben, in der er sich wiegte. Das Volk wird auchnach der Publikation des Testaments auf die Seite seines Heros treten.Nicht für Kaiser Wilhelm II., sondern für Bismarck werden die Bergfeuerflammen, nicht am 27. Januar, sondern am 1. April. Es macht mich