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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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KARDINAL HOHENLOHE: DER KAISER MÜSSE SEHR VORSICHTIG SEIN 353

angesichts des scheußlichen Kampfes, den ich, in vorderster Reihe stehend,gegen Schmutz und Verleumdung kämpfen mußte, traurig, so urteilen zumüssen. Welche Erfahrungen haben diese Nüchternheit zuwege gebracht!. . . Als ich dem Kaiser nicht verhehlte, daß der Bismarckismus eine Kraftsei, deren Wurzeln immer noch sehr tief und fest in den deutschen Herzensäßen, hörte er dies nicht gern. Er sprach die Ansicht aus, daß der Kaiserfester darin säße als alles andere." In der Entrüstung über das hinterlasseneWerk des Fürsten Bismarck begegnete sich der Kaiser mit seiner Mutter,die in vielen Fragen so anders dachte als ihr Sohn. Sie schrieb über dieGedanken und Erinnerungen " an meine Frau:I suppose, dearest Marie,vou have read the vile book of Prince Bismarck , the one by Busch and theother by himself, truly disgusting. He has already so succeeded in poison-ning the minds of half his countrymen that they will no doubt accept all hislies these books contain and which emanate from him as sacred truths!One is truly ashamed of such vulgarity and low taste." Nicht ohne innereBefriedigung berichtete mir Philipp Eulenburg , daß der Kaiser auf dasbestimmteste erklärt habe,niemals" undunter keinen Umständen"Herbert Bismarck wieder anstellen zu wollen. Seitdem Eulenburg persönlichvon Herbert Bismarck bei der Leichenfeier in Friedrichsruh brüskiertwurde, war ihm der Sohn Bismarck fast ebenso verhaßt wie der Vater.Auch wußte er, daß ich Herbert Bismarck gern als Botschafter in London ,Petersburg oder Wien gesehen hätte.

Wiederholt schrieb mir Eulenburg, daß er dem Kaiser beständig Vor-sicht predige, auch unter Hinweis darauf, daß der Kardinal Hohenlohe ihm, EulenburgEulenburg, vertraulich geschrieben habe, der Kaiser müsse sehr auf seiner über denHut sein, sehr vorsichtig, sehr weise. Der Kardinal habe ihm geschrieben, Kaiserer wissepositiv", daß der Gedanke, den Kaiser für unzurechnungsfähigzu erklären, in vielen Köpfen erwogen würde und viele, auch hohe Persön-lichkeiten, gern ihre Hand dazu leihen würden, das Verfahren einzuleiten.Eulenburg rühmte sich, eineernste und eingehende Unterredung" mitWilhelm II. über diese heikle Materie mit den Worten geschlossen zuhaben: Es sei keine Gefahr für den Kaiser, wenn ich an des Kaisers Seitestünde und er selbst vorsichtig bliebe. Gegen seine Gewohnheit habe derKaiser dieses Gespräch nicht mit einem Scherz odermit einem energischenmündlichen Haudegenhieb ä la 1. Garderegiment" beendigt, sondern er seinachdenklich" gebheben.

Daß mich solche Briefe sehr ernst stimmen mußten, liegt auf der Hand,obschon es in der menschlichen Natur hegt, sich allmählich an alles zu ge-wöhnen, wie an Kälte und Hitze, an Hunger und Durst, so auch an eigen-artige Charaktere. Wenn der Mensch auch nicht immer aus Gemeinem ge-macht ist, so emanzipiert er sich doch selten und nie ganz von seiner Amme,

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