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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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BUMERANGS

der Gewohnheit. Ich darf aher hinzufügen, daß keine Gewöhnung mich jeabgestumpft hat gegen die Gefahren, die in der Natur des Kaisers für dasLand lagen, und daß ich schon während meiner bisherigen Amtszeit keinenTag aufgehört hatte, es als meine erste Pflicht und vornehmste Aufgabe zubetrachten, dafür zu sorgen, daß auch mit diesem Monarchen das DeutscheReich und das deutsche Volk vor Schaden bewahrt blieben. Zu immer neuenBedenken gab insbesondere die Unbesonnenheit Anlaß, mit welcher derKaiser politische Gespräche führte. Er hatte mir oft, sehr oft versprochen,daß er nicht wieder in den Fehler verfallen wolle, mit A. über B. und mit B.über A. zu räsonieren, auf die Gefahr, und selbst auf die Wahrscheinlichkeithin, daß A. und B. sich die kaiserlichen Boutaden gegenseitig anvertrauenund beide mißtrauisch gegen den Kaiser werden würden. Er wolle sich, hatteer mir mehr als einmal erklärt, überhaupt klarmachen, daß unvorsichtigeÄußerungen eines Monarchen dem Bumerang glichen, jener australischenWaffe, die auf denjenigen zurückprallt, der sie abschleuderte. Wilhelm II. vergaß sich immer wieder, namentlich in Gesprächen mit den fremden Bot-schaftern, nicht aus Böswilligkeit, ein Dolus lag nie vor; aber, wie derFranzose treffend sagt, c'etait plus fort que lui. Wenn ich von Diplomatenauf solche unvorsichtigen Auslassungen Seiner Majestät angesprochenwurde, pflegte ich wahrheitsgemäß zu erwidern, daß scharfe Bemerkungendes Kaisers über den einen oder andern Staat oder Regenten nur dann vonpraktischer Bedeutung sein würden, wenn der Kaiser ein Mann ä laNapoleon I. wäre, der unter Umständen einen Angriffskrieg mache.Dann allerdings wäre für diejenigen, gegen die sich seine Worte richteten,bei solchen Äußerungen die Vorbereitung zur Abwehr begreiflich. DerKaiser sei aber in Wirklichkeit nur auf Erhaltung und Verteidigung be-dacht. Seine ethischen Grundsätze, sein aufrichtiges Christentum, sein imGrunde verständiges Wesen verböten ihm jeden Gedanken an einen An-griffskrieg. Er werde niemals einen solchen machen. Seine gereizten Aus-lassungen gegen diesen oder jenen Staat trügen immer nur einen Defensiv-charakter und reagierten lediglich auf das, was an den Kaiser über feind-bche Absichten dieses oder jenes Staates oder Regenten in wirtschaftlicher,politischer oder verwandtschaftlicher Hinsicht herangebracht worden wäre.Die Gesinnung änderte sich wieder, wenn der Kaiser nach einiger Zeit sähe,daß jene von ihm supponierten feindlichen Absichten nicht mehr vorhandenoder wenigstens ihrer Verwirklichung nicht nähergebracht worden wären.Die bei aller ihrer Beweglichkeit in ihren Grundzügen unabänderlicheEine Debatte Natur des Kaisers machte mir beim Rückblick auf das Jahr 1899 wie aufim Reichstag das ganze hinter uns liegende Jahrzehnt schwere Sorgen und bedeuteteeine ernste Aufforderung für mich,toujours en vedette" zu bleiben, wieder große König dies für Preußen gefordert hatte. Aber nicht nur die