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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DR. SCHÄDLER GEGEN GOETHEDENKMAL

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Individualität des Kaisers, sondern auch unser Volk in seiner Gesamtheitflößte mir ernste Sorgen ein. Ich konnte mich bei einer solchen retro-spektiven Betrachtung nicht der Einsicht verschließen, daß das deutscheVolk, über das die Vorsehung während des seinem Ende entgegengehendenJahrhunderts so viel Glück, so viele Wohltaten und Güter ausgeschüttethatte, das sich aus dem Elend von Jena und Tilsit zu dem Ruhm vonDennewitz und Leipzig erhoben und von der französischen Zwingherrschaftbefreit hatte, das durch Bismarck zu Einheit, Macht und Größe geführtworden war, wie es unsere Väter ersehnt, aber in solchem Ausmaß und solcherFülle kaum für möglich gehalten hatten, leider noch immer weit davonentfernt war, das nationale Empfinden, das nationale Ehrgefühl, den patrio-tischen Stolz und auch nur den patriotischen Takt anderer Völker zu be-sitzen. Sehr bezeichnend dafür war mir eine kurze Debatte gewesen, die1899 im Reichstag über ein Goethedenkmal für Straßburg stattfand. Derwarmherzige und hochgebildete nationalliberale Abgeordnete Prinz HeinrichCarolath , persönlich ein Goethekenner und Goethejünger, hatte beantragt,als Beihilfe zu den Kosten eines Goethedenkmals in Straßburg den Betragvon M. 50000 in einen Ergänzungshaushalt einzustellen. Dieser Antragwurde unter völliger Teilnahmlosigkeit des Hauses diskutiert. Ein wenigsympathisches Mitglied des Zentrums, der Abgeordnete Schädler, frug:Warum soll Goethe gerade in Straßburg ein besonderes Denkmal haben ?"Aus praktischen, nüchternen Erwägungen trete er, Schädler, dem Antragentgegen. Der Etat enthalte schon viel zu viel Forderungen für Kunst undWissenschaft. Auch sei der Antrag gefährlich wegen seiner etwaigen Konse-quenzen für anderegroße Männer", denen man auch Monumente werdeerrichten wollen. In welchem Lande außer in Deutschland war ein solcherVorgang, eine so unwürdige Rede möglich! Man denke sich, daß in derfranzösischen Deputiertenkammer jetzt, nachdem wir, Gott sei es geklagt,die wunderschöne Stadt" wieder verloren haben, der Vorschlag gemachtwürde, Rouget de l'Isle ein Denkmal in Straßburg zu errichten, wo dasSturmlied der Französischen Revolution von ihm zuerst vorgetragenworden war. Jeder Abgeordnete, der sich gegen einen solchen Antrag wendensollte, würde von der Tribüne heruntergerissen werden. Er würde all-gemeiner Verachtung verfallen und sich nicht mehr auf der Straße zeigenkönnen. Ein solcher Abgeordneter würde sich aber in Frankreich, Italien undEngland , in allen anderen mir bekannten Ländern überhaupt nicht finden.Jene Diskussion vom 26. Januar 1899 war mehr als symptomatisch, eineRede wie des Domherrn Schädler war tief beschämend. Konnte Deutsch-land wirklich reiten, nachdem es von Bismarck in den Sattel gesetztworden war? Schon in den achtziger Jahren hatte der Baumeister desReichs darüber geklagt, daß, kaum fünfzehn Jahre nach der Wieder-

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