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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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NICHTS MEHR OHNE DEN DEUTSCHEN KAISER

Bremerhaven

Geschichte im Walde von Compiegne dem siegreichen französischen Ober-befehlshaber die auch äußerlich groteske Figur des Abgeordneten fürBiberach entgegentrat. Mit dem Weltkrieg, dessen entsetzlichen Abschlußdas Erscheinen von Matthias Erzberger im Walde von Compiegne bildete,war die chinesische Expedition von 1900 natürlich in keiner Weise zu ver-gleichen. Aber gerade weil der Krieg gegen China von Wilhelm II. aufweiteEntfernung, mit verhältnismäßig geringem Einsatz, ohne persönlichesRisiko und mit der begründeten Hoffnung geführt wurde, daß es mir ge-lingen würde, politisch-diplomatisch die Sache einzurenken, entlud sich dasTemperament des Kaisers bei diesem Anlaß mit voller Wucht.Jetzt istes eine Lust zu leben!" äußerte er damals wiederholt vor mir.

Ich habe Kaiser Wilhelm , dem ich während des Weltkrieges freilich nichtReden mehr zur Seite stand, niemals in einer solchen Erregung gesehen wie währendWilhelms II. d er ersten Phase der chinesischen Wirren. Zunächst hielt er in Wilhelms-m Wilhelms- h averl un( j m Bremerhaven Reden, die nicht nur den Chinesen, sondernder ganzen Welt imponieren sollten. In Wilhelmshaven sprach er am 2. Juli1900 von dem in seinerFrechheit unerhörten, durch seine GrausamkeitSchauder erregenden" Verbrechen der Chinesen, verlangteexemplarischeBestrafung und Rache" und erinnerte daran, daß er diese Scheußlichkeitvorausgesehen habe, aber nicht verstanden worden wäre.Mitten in dentiefsten Frieden hinein, für mich leider nicht unerwartet, ist die Brand-fackel des Krieges geschleudert worden." Das war ein Hinweis auf dasberühmte BildVölker Europas, wahrt eure heiligsten Güter". Am nächstenTage hielt der Kaiser anläßlich des Besuchs des Prinzen Rupprecht vonBayern bei Tisch eine Rede, wo er die bedenklicheren Worte sprach, daßohne den Deutschen Kaiser keine große Entscheidung mehr in der Weltfallen dürfe. Er würde rücksichtslos die schärfsten Mittel anwenden, umdie Weltmachtstellung des deutschen Volkes zu erhalten, das sei seinePflicht und sein schönstes Vorrecht. Hohenlohe und ich wollten diese Redenicht veröffentlichen lassen, sie war aber von Seiner Majestät sofort unddirekt an den Vertreter von Wolfis Telegraphenbüro gegeben worden, bevordas Diner zu Ende war. Um zu verhindern, daß solche kaiserlichen Ergüsseunsere Politik aus ihrem Geleise brachten, richtete ich aus Wilhelmshaven am 2. Juli an das Auswärtige Amt die nachstehende telegraphischeDirektive:Auch nach der Ermordung des Freiherrn von Ketteier wirdunsere Politik in Ostasien eine besonnene, ruhige und nüchterne bleiben.Wir werden insbesondere vermeiden, was die Eintracht unter den Mächtenstören könnte, weiter Fühlung mit Rußland halten, England nicht ab-stoßen, auch Japan und Amerika freundlich behandeln. Die Situation hatsich aber insofern durch die Niedermetzelung unseres Gesandten verändert,als es jetzt vor allem darauf ankommt, der Nation zu zeigen, daß diejenigen,