DIE JAHRHUNDERT-KNIEBEUGE
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Rumänien das nachstehende Telegramm: „Im Augenblick, wo ein reich-bewegtes Jahrhundert zur Neige geht, in welchem wir so große Ereignisseerlebt und das die Bedingungen einer friedlichen Entwicklung der Staatengeschaffen, liegt es mir am Herzen, Ihnen und Ihrer verehrten Frau Ge-mahlin ein glückliches neues Jahr zu wünschen, auf welchem der SegenGottes ruhen möge. Gleichzeitig bitte ich Sie, die Versicherung meinerfreundschaftlichen Gesinnung zu empfangen und überzeugt zu sein, wiesehr ich erfreut und beruhigt bin, die Leitung der auswärtigen Angelegen-heiten, in welchen Sie bereits so schöne Erfolge gehabt, Ihren bewährtenHänden anvertraut zu wissen." Die Feier, die Kaiser Wilhelm zur Jahr-hundertwende im Schloß und in der Ruhmeshalle veranstaltete, trug einenallzu theatralischen Charakter. Auf zwei Seiten aufgestellte Apparatephotographierten den Kaiser und alle Anwesenden in dem Moment, wo siewährend des Gebets der Geistlichkeit und des von dieser erteilten Segensniederknieten. Und der stets, bisweilen zu gutem, bisweilen zu bösem Witzaufgelegte Berliner sprach von der Jahrhundert-Kniebeuge.
Das erste Jahr des neuen Jahrhunderts führte zur völligen Besiegungder Buren. Im März nahm Lord Roberts Bloemfontein , im Juni rückte er Die China-in Pretoria ein. Schloß sich aber der Janustempel für Südafrika, so öffnete Expeditioner seine beiden Pforten bald nachher in Ostasien . Am 18. Juni wurde inChina der deutsche Gesandte Freiherr von Ketteier ermordet. Im Junierfolgte die Kabinettsorder über BUdung und Führung eines Expeditions-korps nach China, zu dessen Kommandeur der Generalleutnant Lessei er-nannt wurde. Als Chef des Stabes wurde ihm einer der besten Offiziere desGeneralstabes, der damalige Oberst Gündel, beigegeben. Es war derselbeOffizier, der, inzwischen zum General der Infanterie aufgerückt, im No-vember 1918 ursprünglich zum Vorsitzenden der Waffenstillstandskom-mission bestimmt worden war, eine Stellung, für die er durch Umsicht,Besonnenheit, Takt, vollkommene Beherrschung des Französischen undÜbung im Verkehr mit französischen Offizieren sich hervorragend eignete.Den Vorsitz der Waffenstillstandskommission riß aber 1918 mit der ihmeigenen stürmischen Vordringlichkeit der Abgeordnete Erzberger an sich,indem er manu propria unter Zustimmung des schwachen Prinzen Max vonBaden den Namen des Generals Gündel ausstrich und an dessen Stelle seineneigenen Namen setzte. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sich für die Lei-tung der Waffenstillstandsverhandlungen General Gündel viel, sehr vielbesser geeignet haben würde als Erzberger, der manche jener Eigen-schaften besaß, die dem Demagogen vorwärtshelfen, auch nicht ohne einegewisse naive Gutmütigkeit war, dem aber für eine diplomatische Missionungefähr alles fehlte, Kenntnisse und Erfahrung, Takt wie Würde. So kames, daß im November 1918, an jenem traurigsten Tage der deutschen