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Führung gemacht hatte. Während Caprivi sich als Zuschauer daraufbeschränkt hatte, in Abwesenheit Seiner Majestät zu bemerken, die Anlageder Manöver durch den Großen Generalstab habe viele Fehler ermöglicht,der Kaiser habe sie aber auch glücklich alle bis auf den letzten begangen,wäre es ihm, dem Chef des Stabes, nicht erspart gebheben, diese Fehler voreiner größeren Korona Seiner Majestät vor Augen zu halten. Damit wäreder Grund zur Ranküne des Kaisers gelegt worden, die zum vollen Aus-bruch gekommen sei, als bei einem Kriegsspiel im Großen Generalstabs-gebäude, an dem der Kaiser hatte teilnehmen wollen und wo er wiederumwie auf dem Manöverterrain arge Schnitzer machte, die pflichtmäßigeKritik dieser Fehler durch Waldersee zu einer Szene geführt habe. Unmittel-bar nachher sei er von seinem Posten als Chef des Generalstabs der Armeeenthoben und nach Altona mit der Motivierung versetzt worden, es sei einegroße Auszeichnung für ihn, gerade in der Heimatprovinz Ihrer Majestätder Kaiserin Kommandierender General zu werden. Mündlich habe ihmder Kaiser bei seiner Abschiedsaudienz noch gesagt: im Kriege brauche erüberhaupt keinen Chef des Generalstabs, da er dann selbst führen und alleinalles entscheiden würde. „Im Kriege werde ich selbst Chef des GroßenGeneralstabes sein. Im Frieden ist der Generalstabschef für mich nur einAmanuensis, und dafür sind Sie mir schon zu alt." Lächelnd fügte Walderseehinzu, daß sein Nachfolger Schlieffen nur ein Jahr jünger sei als er. DerKaiser hat mir seinerseits nur gelegentlich gesagt, er habe nie ernstlich anWaldersee als Reichskanzler gedacht, auch nicht als Prinz Wilhelm in derZeit seiner jugendlichen Schwärmerei für Waldersee und die Stöcker-Versammlungen. Das habe sich der immer argwöhnische Bismarck fälsch-lich eingebildet. Als Generalstabschef sei Waldersee immer wieder derVersuchung erlegen, sich in Politik einzumischen. Er habe gegen Capriviintrigiert und namentlich in der Presse „gestänkert". Als KommandierenderGeneral in Altona berichtete Waldersee unter Hohenlohe an den Kaiserim Sinne eines gewaltsamen Vorgehens gegen die Sozialdemokratie. Nachmeiner Ernennung zum Reichskanzler wurde er ein stiller Mann. Vorheraber gelang es ihm, wenigstens vorübergehend, wieder die Gunst desKaisers zu erringen.
Graf Alfred Waldersee, der eine ungewöhnliche Geschicklichkeit in derBehandlung von Fürstlichkeiten besaß und schon als junger Offizier, weiler ein schlauer Dachs war, bei der Gardeartillerie, wo er eingetreten war,den Spitznamen „der Dachs" führte, wußte den Kaiser bei seiner empfäng-lichsten Seite zu packen, bei seiner beinahe kindlichen Freude an äußerenEhrungen. Der Kaiser hatte durch direkte Einwirkung auf den österreichi-schen Militärattache in Berlin erreicht, daß Kaiser Franz Josef ihn zumösterreichischen Feldmarschall ernannte. Sehr bald nachher kam Waldersee