DER MAR SCHALL ST AB WILHELMS II.
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in Begleitung des Prinzen Albrecht , auf den er großen Einfluß ausübte, ausHannover angereist und bat Seine Majestät „im Namen der Armee", dieWürde eines preußischen Feldmarschalls anzunehmen. Der Kaiser folgtegern dieser Aufforderung und nahm seitdem bei jeder passenden Gelegen-heit mit Freuden den prächtig verzierten Marschallstab in die Hand. Esliegt eine tiefe Tragik darin, daß derselbe Monarch, der nichts lieber undlauter betonte als seine militärischen Würden und Vorrechte, der sich anden Abzeichen seines militärischen Ranges wie kaum ein anderer Fürstdelektierte und bisweilen fast berauschte, der keine Gelegenheit vorüber-gehen ließ, den Marschallstab zu führen, der an Paraden und Parade-märschen, an Kavallerieattacken und Frontalangriffen im Manöverfeldenie genug hatte, in den Hintergrund trat, als Bellona ihm ihr strengesAntlitz zuwandte und der wirkliche Krieg begann. Schon im Sommer 1914wurde auf Allerhöchsten Befehl offiziös verbreitet, daß der Kaiser auf eineFrage nach dem Stande der militärischen Operationen erwidert habe, erwisse darüber nicht mehr als andere. Das wäre die Sache des General-obersten von Moltke. Es war dies derselbe Wilhelm IL, der, nachdem er dasschöne Buch von Heinrich Friedjung über den Kampf um die Vorherrschaftin Deutschland mit brennendem Interesse gelesen hatte, vor einer größerenKorona in vollem Ernst erklärt hatte: im letzten Ende sei doch der preu-ßische Sieg von 1866 darauf zurückzuführen, daß König Wilhelm beiKöniggrätz seine Armee selbst geführt, Kaiser Franz Josef aber den Ober-befehl über sein Heer anderen anvertraut habe.
Im Laufe des Weltkrieges hörte jede ernstbche militärische Mitwirkungoder gar Einwirkung und Entscheidung des „obersten Kriegsherrn" mehr Der obersteund mehr und schließbch völlig auf. Er erschien immer seltener an der KriegsherrFront, und wenn er kam, wurde er als unbequemer, beinahe lästiger Zaun-gast empfunden und behandelt. Wer Rosners Buch „Der König" liest, dasdie Rolle, die in den Monaten der letzten Entscheidung Wilhelm II. beiseiner Armee spielte, nur zu anschaulich schildert, wird je nach seinemTemperament Wehmut oder Zorn empfinden. Jedenfalls erweckt der Nach-fahre großer Heerkönige, eines Friedrich II. und Wilhelm L, der Sohn desSiegers von Wörth und Weißenburg, schmerzliche Gefühle, wenn er auf derWarte von Menü von einem alten Johanniter über die Bewegungen seinerkämpfenden und blutenden Truppen kümmerlich orientiert wird. Einpreußischer König, der in der Stunde, wo beim Wirbel preußischer Trom-meln, die glorreiche schwarz-weiße Fahne vor sich, preußische Regimenterzum entscheidenden Angriff vorgehen, wo über Dynastie und Volk dieeisernen Würfel fallen, nichts anderes zu leisten vermag, als in Unkenntnisaller Vorgänge und mit völliger Passivität seine erprobte Fähigkeit instundenlangem Stehen auf derselben Stelle zu betätigen, wirkt wie ein