DIE POSE
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Als ich in Berlin eintraf, meinte Holstein, dem gegenüber der chinesi-schen Komplikation zumute war wie einem alten Schwadronsgaul, der dieTrompete hört und das Signal „Galopp", und der diesmal ganz bei derSache war: „Der Kaiser bildet sich ein, daß, wenn er mit dem Zaren einigist, der ganze Erdball hinterherrollen muß. Das wird aber nicht so einfachsein, wie er glaubt. Gehen wir aber mit gutem Mut an die Sache, wir werdenes schon schaffen." Meine Besprechungen mit den fremden Botschafternin Berlin waren mühsam. Sie waren auch nicht besonders erquicklich. Icherreichte aber schließlich, daß alle Mächte, wenn auch nicht gerade freudig,die Franzosen sogar recht widerwillig, der Wahl des Grafen Walderseezustimmten. Ich stellte mich bei diesen Unterredungen auf den Bodenmeines Rundschreibens vom 11. Juli über die chinesische Frage, das inDeutschland ziemlich allgemein Billigung gefunden hatte und auch imAusland nicht unfreundlich aufgenommen worden war. Ich hatte in diesemZirkular darauf hingewiesen, daß durch die Vorgänge in China das erfolg-reiche deutsche Missionswerk, unser blühender Handel und unsere inSchantung im Entstehen begriffenen großen wirtschaftlichen Interessengleichmäßig bedroht wären. Eine militärische Aktion in China werde vonallen Mächten für notwendig erachtet. Die kaiserliche Regierung werdesich in ihrer Politik von der Überzeugung leiten lassen, daß die Aufrecht-erhaltung des Einverständnisses unter den Mächten die Vorbedingung fürdie Wiederherstellung des Friedens und der Ordnung in China wäre. Ichkonnte hierbei daraufhinweisen, daß diese leitenden Gesichtspunkte unsererPolitik die volle Zustimmung des Bundesratsausschusses für auswärtigeAngelegenheiten gefunden hätten.
Inzwischen war Graf Waldersee in Kassel eingetroffen, wo ihn der Kaiseram Bahnhof abholte und eine Rundfahrt durch die, seit sie preußisch ge-worden war, herrlich aufblühende alte Hauptstadt der Kurfürsten unter-nahm, bei welcher Fahrt der nicht lange vorher so ungnädig beurteilteund behandelte Waldersee im Wagen den Ehrenplatz, rechts von SeinerMajestät, einnehmen mußte. So hatte einst Kaiser Alexander I. von Ruß-land den ihm vor der Begegnung von Erfurt von Napoleon an die russischeGrenze entgegengesandten Marschall Duroc genötigt, rechts zu sitzen.„Car ", fügte der Zar mit dem slawisch-russischen Hang zu artigen Kom-plimenten hinzu, „la gloire est toujours ä la premiere place." Am nächstenTag überreichte der Kaiser in Kassel dem Grafen Waldersee den Feld-marschallstab, worüber mir der in der Begleitung Seiner Majestät befindlicheGraf Paul Metternich schrieb: „Gestern feierten wir Waldersee im Stadt-schloß zu Kassel . S. M. reichte ihm mit einer sehr schönen, kurzen An-sprache den Feldmarschallstab, den Waldersee sofort in der richtigen Poseder alten Kupferstiche im spitzen Winkel auf den vorgestreckten Ober-
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