EIN DICKER STRICH
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An diesem Grundsatz rüttelte aber auch, soviel ich weiß, niemand. Unter demSchutz der englischen Flagge hat sich wie an vielen anderen Punkten desErdteils so auch am Jangtse der deutsche Handel in der Vergangenheitblühend entwickelt. Deutsche und englische Handelshäuser arbeiten dorteinträchtig Hand in Hand. Den Kreisen, die wir schützen wollen, wärenichts unerwünschter als ein Zerwürfnis mit England . Den Schutz unsererUntertanen im Jangtse können wir, wenn erforderlich, nun auch selbstausüben, Truppen landen und unsere Niederlassungen beschützen. DieNotwendigkeit hierzu wird nach außen hin aber nur einleuchtend sein,wenn auch andere Staaten unter dem gleichen Zwang der Umstände eben-falls Truppen landen, am besten nach Verständigung ä l'amiable mit demEngländer. Der Norden Chinas wird stillschweigend den Russen überlassen,darunter kommen wir, ganz im Süden spreizen sich die Franzosen. Da-zwischen bleibt der Jangtsekiang , allerdings das Beste, wo von alters herbis auf den heutigen Tag trotz unserer raschen Fortschritte die englischenInteressen bei weitem überwiegen. Es steht uns frei, den Jangtse durchunseren Handel auch weiter zu erobern, sobald wir aber durch politischeMaßnahmen wie z. B. Machtentfaltung ohne zwingenden Grund zeigenoder andeuten wollen, daß wir dort die „paramount power" spielen wollen,so wird sich daraus sofort eine Machtfrage zwischen England und uns nachArt der Transvaalfrage im Jahre 1895 und wahrscheinlich mit demselbenAusgange zuspitzen. So weit werden Sie es aber gewiß nicht kommenlassen.England wird sich nicht politisch ohne Kampfaus seiner Position im Jangtse hinausdrängen lassen. Durch den Handel können wir den Jangtse mehrund mehr erobern, durch die Politik nicht. Zwei Ergebnisse dauernder Artunserer jüngsten Chinapolitik hegen jetzt schon vor: wir haben gelernt,größere Truppentransporte über Meer zu schicken, und wir haben denStamm zu einer Kolonialtruppe erworben."
Als Kaiser Wilhelm mit so stürmischem Eifer die Expedition gegenChina in Szene setzte, und namentlich als er die Ernennung des Grafen VerspäteteWaldersee zum Oberkommandierenden betrieb, ging er davon aus, daß es Ankunft inseinem Generalfeldmarschall, den die Witzblätter schon den Weltmarschallnannten, vergönnt sein würde, den Chinesen in großer Feldschlacht einevernichtende Niederlage beizubringen, Peking mit stürmender Hand zunehmen und die dort belagerten Gesandten selbst zu befreien. Alle kaiser-lichen Ansprachen waren auf diese Erwartung zugeschnitten. Der Kaiserrühmte laut die glänzenden militärischen Eigenschaften der Chinesen,offenbar in dem Gedanken, daß die Besiegung so tapferer Krieger nur um soruhmreicher erscheinen würde. Durch alle solche Erwartungen und Phanta-sien, Hoffnungen und Träume machten die Ereignisse einen dicken Strich.Graf Waldersee traf erst am 27. September in China ein. Aber schon am
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