EINHEITLICHE REGIERUNG
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mirusteriums
das Deutschland in der tiefsten Erniedrigung sah, die es vor dem Zusammen-bruch von 1918 erlebte, an Weimar vorüber, gleich Bethlehem in Judaklein, doch groß, bis die wuchtigen Kirchtürme von Jüterbog vor mir auf-tauchten, in dessen Nähe das Dorf Dennewitz liegt und das Schlachtfeld,wo Berlin am 6. September 1813 vom General Friedrich Wilhelm Bülow vor dem Feinde gerettet und die Grundlage gelegt wurde zur Befreiungund Wiedererrichtung des Vaterlandes.
Am Abend in Berlin eingetroffen, setzte ich für den nächsten Tag eineSitzung des Staatsministeriums an, in der ich zunächst die Verdienste Sitzunghervorhob, die sich mein Amtsvorgänger durch nie ermüdende Pflichttreue, des Staats-Umsicht und eine auf gereifter Lebenserfahrung beruhende Weisheit umdas Vaterland erworben hätte. Ich legte darauf die Gesichtspunkte dar,nach denen ich in voller Uberzeugung mit dem König und Kaiser diepreußischen Geschäfte zu führen gedächte. Was ich vor allem erstrebe undfordere, sei eine in sich geschlossene Regierung. Jedem Mitglied des Staats-ministeriums bleibe es überlassen, seiner Ansicht im Schöße des Staats-ministeriums Ausdruck zu geben und sie so weit als möglich zur Geltungzu bringen. Wenn aber einmal ein Beschluß des Staatsministeriums vor-liege, der die Billigung der Krone gefunden habe, müsse er von allen Staats-ministern gleichmäßig vertreten werden, parlamentarisch und publizistisch,amtlich und persönlich. Die vielfach verbreitete Annahme, daß innerhalbdes Staatsministeriums verschiedene Anschauungen und Richtungen be-stünden, müsse aufhören. Ein durchaus einheitliches Ministerium sei dieVorbedingung für diejenige Stetigkeit und Zielbewußtheit der Regierung,die das Land verlange und brauche und die auch unerläßlich sei für einewirksame Vertretung der Rechte der Krone. Ich betonte die Notwendigkeitvoller Ubereinstimmung zwischen der preußischen Politik und der Reichs-politik. Der Kaiser wisse wohl, wo die Wurzeln seiner Kraft liegen und daßdie preußische Monarchie die Basis seiner Stellung im Reich und in der Weltsei. Seine Majestät erwarte aber auch, daß seitens des preußischen Staats-ministeriums alles geschehen würde, um ihm seine Stellung als Oberhauptdes Reichs und die Führung der Reichspolitik zu erleichtern. Diese Auf-fassung Seiner Majestät teile ich nicht nur, fügte ich hinzu, aus pflicht-schuldigem Gehorsam, sondern aus innerster Überzeugung. Ich würde nieim Reich zulassen, was Preußen schädigen oder auch nur ungünstig be-einflussen könnte. Aber andererseits müsse die preußische Politik Rücksichtnehmen auf die Bedürfnisse des Reichs und auf die politische Lage imReich. Der König und Kaiser habe mir gegenüber ausdrücklich betont,daß über Inhalt und Verlauf der Sitzungen des Staatsministeriums strengesStillschweigen bewahrt werden müsse. Es sei ausschließlich Aufgabe desMinisterpräsidenten, zu bestimmen, ob und was über Staatsministerial-