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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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ICH WEISS, WAS NIE VERLÄSST

Justiz und inneren Verwaltung) sprach:Ich habe mich in meinem Lebenso oft geirrt, daß ich nicht mehr darüber erröte." Der mir seit Jahren be-freundete österreichische Geschichtsforscher Heinrich Friedjung hatte mirmehr als einmal gesagt und auch geschrieben, daß die Geschichte vor allemBescheidenheit des politischen Urteils lehre, denn sie habe mit unwägbarenDingen zu tun, sie sei keine exakte Wissenschaft, schon weil sie überallauf das Rätsel der Persönlichkeit stoße. Ich meine auch heute, daßsolche Erkenntnis zu innerer Bescheidenheit führt, die immer nützlichist, aber keineswegs zu Kleinmut. Und darum sang ich mit voller Über-zeugung den zweiten und den dritten Vers des Liedes:

Ich weiß, was ewig dauert,Ich weiß, was nie verläßt;Auf ew'gem Grund gemauertSteht diese Schutzwehr fest.Es sind des Heilands Worte,Die Worte, fest und klar;An diesem FelsenorteHalt' ich unwandelbar.

Auch kenn' ich wohl den Meister,Der mir die Feste baut:Es ist der Herr der Geister,Auf den der Himmel schaut,Vor dem die SeraphinenAnbetend niederknien,Um den die Heil'gen dienen,Ich weiß und kenne ihn.

Wenn ich sage, daß ich diese Verse gesungen hätte, so ist das ein Euphe-mismus. Ich summte sie nur vor mich hin. Ich bin so unmusikalisch, daßmir schon während meiner Schulzeit im Pädagogium zu Halle an der Saale verboten wurde, in der Kirche mitzusingen, da ich durch falsche Töne dieAndacht der Gemeinde störe.

Am 19. Oktober trat ich die Rückreise nach Berlin an. Die Fahrt, dieRückreise einem Gang durch die deutsche Geschichte glich, führte mich vorbei anBülows Fulda, in dessen Dom der Apostel der Deutschen ruht, an Gelnhausen ,ich Berlin a ii en Barbarossastadt, wo Kaiser Rotbart in der von ihm hier ange-legten Kaiserpfalz auf einer Insel der von Kastanien- und Walnußbäumenbeschatteten Kinzig Hof hielt und Reichstage versammelte, vorbei an derWartburg , wo der Sängerkrieg deutsche Dichter und Sänger um LandgrafHermann scharte, wo die ungarische Königstochter Elisabeth zur deutschenHeiligen wurde, wo Luther die Bibelübersetzung begann, vorbei an Erfurt ,