DIE ZWÖLFT AUSEND-MARK-AFFÄRE
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Entlassungsgesuch Seiner Majestät mit einem unfreundlichen Kommentarvorgetragen, so würde der Kaiser zweifellos Posadowsky haben gehen lassen.Lucanus riet mir dazu, da ich bei Posadowsky kaum ehrliche Unterstützungin den bevorstehenden schwierigen handelspolitischen Kämpfen findenwürde. Ich hielt es für meine Pflicht, die ungewöhnlichen Kenntnisse unddie große Arbeitskraft des bisherigen Staatssekretärs des Innern dem Landezu erhalten, und telegraphierte deshalb dem Posadowsky persönlich be-freundeten Baron Richthofen, ich hätte den Kaiser bewogen, das Abschieds-gesuch des Staatssekretärs des Innern abzulehnen und ihm gleichzeitigein huldvolles Telegramm zu senden. Posadowsky möge nun aber aus demSchmollwinkel herauskommen und sich mit mir .zu nützlicher Arbeit ver-einigen. Er werde schwerlich einen Kanzler finden, der ihm so wohlwollend,anerkennend und loyal entgegenkäme wie ich. Wenige Wochen später trateiner jener Zwischenfälle ein, die im öffentlichen Leben häufig sind und dieder Franzose mit dem Ziegelstein vergleicht, der einem Spaziergängerplötzlich auf den Kopf fällt: une tuile vous tombe sur la tete. Als dieZwölftausend-Mark-Affäre dem armen Posadowsky unvermutet auf den Kopffiel, kam er als Bittender zu mir und klammerte sich an mich an wie ein Er-trinkender.
Am 18. Oktober fand die Einsegnung des Prinzen Adalbert statt.Dryander hielt eine würdige Ansprache, die, von jedem Byzantinismusweit entfernt, auf die ewigen Sterne hinwies, die uns auf der steinigen undoft gefährlichen Pilgerfahrt leuchten sollen. Es ergriff mich, als die Ge-meinde sang:
Ich weiß, an wen ich glaube,Ich weiß, was fest besteht,Wenn alles hier im StaubeWie Staub und Rauch verweht;Ich weiß, was ewig bleibet,Wo alles wankt und fällt,Wo Wahn die Weisen treibetUnd Trug die Klugen hält.
Ich hatte genug von der Politik gesehen und erfahren, um zu wissen,daß der Dichter dieser schönen und tiefen Verse, unser heber alter ErnstMoritz Arndt , einer der besten Deutschen, die je gelebt haben, der treueEckart unseres Volkes, nur zu recht hat, wenn er vor Wahn und Trugmenschlicher Weisheit und Klugheit warnt. Ich hatte Bismarck mehr alseinmal sagen hören, daß, je länger er in der Politik arbeite, desto geringersein Glaube an menschliches Rechnen würde. Ich hatte gelesen, daß Napo-leon am Ende seiner Regierung zum Erzkanzler Cambaceres , (einst seinemhauptsächlichen Mitarbeiter bei der Neugestaltung der französischen
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