BRIEF DES GENERALS LOE
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Telegraph die längst erwartete Nachricht Ihrer Ernennung zum Reichs-kanzler brachte, sind meine Gedanken unausgesetzt mit Ihnen beschäftigtgewesen. Wohl drängte es mich, meiner Empfindung telegraphisch oderbrieflich Ausdruck zu geben. Ich unterließ es, weil es mir widerstrebte,Ihnen einen banalen Glückwunsch, deren Sie gewiß viele Hunderte emp-fangen, zu senden, weil ich ferner ahnte, wie sehr jede Minute Ihrer kost-baren Zeit in den ersten Tagen beansprucht sein mußte, und weil meineEmpfindung bei allem, was Sie in Ihrem öffentlichen und Familienlebentrifft und betrifft, anders beschaffen ist als die aller übrigen Menschen,selbst die Ihnen am nächsten stehen, Ihre Frau ausgenommen. Mag das wieein überhebendes Wort klingen — ich habe ein Recht, Ihnen gegenüber sozu empfinden und zu sprechen. In Ihrer Person vereinigen sich für mich diebeiden lebhaftesten Gefühle, deren ich heute in meinem Alter noch fähigbin: die Liebe zu dem Königshause und dem Lande, für die ich währendmeines geringen Lebens gearbeitet, demnächst die warme Zuneigung,welche ich, seitdem Sie als junger Soldat mir anvertraut wurden, zu Ihnengefaßt und durch alle Phasen Ihres bisher so glücklichen Lebens bewahrthabe. Ich liebe in Ihnen den Sohn Ihres Vaters, der mir ein unvergeßlicherGönner gewesen, den Offizier des Regiments, das in meiner militärischenErinnerung den ersten Platz behauptet, den Mann Ihrer Gattin, der Siedas verdiente Lebensglück bereitet haben, und den hochbegabten, idealbegeisterten, tatkräftigen, aber maßvollen und besonnenen Staatsmann,der in meiner Auffassung die glückliche Zukunft unseres Vaterlandesrepräsentiert. Sie wissen, ich mache keine Phrasen — wozu sollte ich dasauch am Ende einer Laufbahn, an deren Erfolg die Phrase wahrhaftigkeinen Anteil hat ? Ich spreche zu Ihnen aufrichtig und wahr, und ich weiß,daß Sie Verständnis für meine Sprache haben. Sie verstehen auch, warumich Ihnen bis heute weder telegraphiert noch geschrieben habe. Der Grund-ton, welchen die Nachricht bei mir hervorrief, entsprang der oben geschil-derten Doppelempfindung; lebhafte Freude, gemischt mit lebhafter Be-sorgnis, ob der Zeitpunkt des größten äußeren Erfolges, der höchsten Würde,die ja, wie ich Ihnen oft prophezeit, zum Heile des Vaterlandes für Sie unver-meidlich war, nicht zu früh eingetreten sei. Aber in gewissen entscheidendenMomenten darf der entschlossene Mann nicht rückblicken. Ich habe mirseit Ihrer Ernennung alle Verhältnisse, alle Chancen reiflich überlegt.Dieser entscheidende Moment war für Deutschland und für Sie gekommen.Es gab keine andere Wahl als anzunehmen. Ihr Vorgänger war nicht mehrmöglich und ebensowenig ein Paravent-Nachfolger. Sie mußten eintreten,und der Moment ist, wenn auch schwierig, doch für Sie ein günstiger, denndie Lösung Ihrer augenblicklichen Hauptaufgabe liegt auf dem Gebiete,auf welchem Sie Meister sind und unbedingt die Partie gewinnen, glänzend