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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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HERBERT BISMARCK ÜBER DIEMUMIE"

gewinnen werden, wenn Ihnen die Arme frei gelassen werden. Siewissen, daß dieser Punkt der einzige Schatten ist, den ich im hellen LichteIhrer Ernennung wahrnahm. Möge die Erinnerung unserer großen Zeit, dieschweigsame Bescheidenheit unserer Helden an allen maßgebendenStellen ebenso lebendig sein wie bei Ihnen, der Sie damals in jungen Jahrendiese großartigen Eindrücke in sich aufgenommen und zur RichtschnurIhres Denkens und Handelns gemacht haben. Und nun Glück auf den Weg,junger Ritter. Jetzt gilt es voll Gottvertrauen und Selbstvertrauenvorwärtsgehen. Ich lege diesen Brief an Ihre Frau ein. Die Freude, Sie undDonna Laura wiederzusehen, ist leider mit Wehmut gemischt. Die furcht-baren Qualen der armen Kaiserin Friedrich gehen mir nicht aus dem Sinn.Ich habe sie am 12. September noch besucht und vor vierzehn Tagen einenBrief von ihr erhalten. Sie ist bis zum letzten Atemzuge die heldenmütige,die treue Frau. Sie mißverkannt, nicht nach ihrem Werte gewürdigt zuhaben, ist ein schwarzer Fleck auf dem guten Rufe der Deutschen. Sieempfindet schmerzlich den Haß, der sie von vielen Seiten bis zuletzt ver-folgt. Sic sehnt sich, noch einmal ihre Heimat wiederzusehen. Wird sie eserreichen? Ich glaube es kaum! Also hoffentlich auf gutes Wiedersehen.In alter Freundschaft Ihr Loe."

Herbert Bismarck schrieb mir aus Heidelberg :Also endlich! Ich mußBrief Ihnen mit zwei Zeilen meine Genugtuung aussprechen, daß die alte MumieHerbert Chlodwig endlich beseitigt und daß Sie Kanzler geworden sind. Möge dieBismarcks g ur( j e I nnen leicht werden und von Ihnen zum Heil unseres Landes ge-tragen werden. Ich habe Ihnen seit drei Jahren gesagt, daß es so kommenmußte, und noch zuletzt bei Ihrem freundlichen Besuch in Friedrichsruh. Nun gratuliere ich dem Vaterlande und Ihnen. Aber jetzt schaffen Sie sichauch alle schwachen Kollegen und Intriganten vom Hals, sonst müssen Siezuviel totes Gewicht mitschleppen und werden ermüden. Ich bin neugierig,wen Sie zu Ihrem Nachfolger wählen. Wäre Brauer nicht in Baden leitenderMinister, so würde er m. E. der geeignete Staatssekretär sein. Oder könntenSie Radowitz nehmen, um dem Zentrum eine Paritätsfreude zu machen?In alter Treue stets Ihr Bismarck." Brauer, damals Ministerpräsident,später Großhofmeister imMusterländle", hätte ich gern als Staatssekretärdes Äußeren an meiner Seite gesehen. Wir waren persönlich befreundet, seit-dem wir uns 1875 in Petersburg begegnet waren, ich als dritter Botschafts-sekretär, er als Konsul. Brauer verband Kenntnisse, Arbeitskraft und um-gängliche Formen mit einem durchaus zuverlässigen Charakter. Der Vor-schlag, Radowitz zu nehmen, der seit der reservierten Haltung, die ernach 1890 gegenüber dem Hause Bismarck eingenommen hatte, dortnicht gut angeschrieben war, ging bei Herbert aus dem Wunsch hervor,dem verhaßten Holstein einen Schabernack zu spielen. Holstein und