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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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RICHTHOFEN FÜR DAS ÄUSSERE

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Radowitz waren Todfeinde, die sich nicht zusammen vor denselbenWagen spannen ließen.

Ich hatte mich schon auf der Fahrt von Berlin nach Homburg für denbisherigen Unterstaatssekretär Richthofen als künftigen Staatssekretär Richthofendes Äußern entschieden. Holstein hatte mir für diesen Posten einige ganz Staatssekretärunfähige Kandidaten vorgeschlagen, in der Hoffnung, unter einem unzu-länglichen Staatssekretär für alle Seitensprünge und Intrigen freiere Handzu haben. Ich hatte einige Mühe gehabt, den Kaiser für Richthofen zu ge-winnen. Der hohe Herr hebte nicht den traditionellen preußischen Beamtenmit seiner Nüchternheit, seiner Sachlichkeit, seinem Bienenfleiß, seinerGewissenhaftigkeit und strengen Pflichttreue. Er fand solche Leuteledern", gab aber bei ruhiger Überlegung doch zu, daß sie im Verein mitdem preußischen Offizier den preußischen Staat aufgerichtet und über alleStürme weggebracht hatten. Als Unterstaatssekretär setzte ich den bis-herigen Direktor der handelspolitischen Abteilung, den Geheimen Rat vonMühlberg, durch, der, ein ebenso hervorragender Arbeiter und Beamter wieRichthofen, gleich diesem in allen von ihm bekleideten Stellungen demLande ausgezeichnete Dienste geleistet hat.

Der begabteste Vertreter der Bismarckschen Tradition in der Presse,Hugo Jacobi , hatte mir nach meiner Ernennung zum Reichskanzler ge- Sympathie-schrieben:Ihrer noch ungebrochenen Kraft harren große und schwere -K" n <* _Aufgaben, an deren Gehngen das Heil des Landes hängt; aber ein großes S eoun 6 cnVertrauen kommt Ihnen hoffnungsvoll entgegen. Seit zehn Jahren wartetdie Nation auf ihren politischen Führer. Ihren Amtsantritt umleuchtetglückverheißend die glorreiche Erinnerung des 18. Oktobers. Möge das,nova vita ineipit' wie für Eure Exzellenz auch für das Vaterland gelten."Ich kann bei diesem Anlaß einflechten, daß Herbert Bismarck , als er einigeMonate vor meiner Ernennung zum Reichskanzler mir die Hoffnung aus-drückte, ich würde bald an die Stelle von Hohenlohe treten, hinzufügte:Mein Vater hat mir schon vor Jahren gesagt: Der junge Bernhard Bülow gehört zu den drei oder vier Männern, die nach meinem Tode das Reichzusammenhalten müssen." Ein anderer intimer Freund des HausesBismarck, Graf, später Fürst Guido Henckel-Donnersmarck , schrieb mir:Zu der angetretenen großen Erbschaft aufrichtigen Glückwunsch. Lägennicht Caprivi und Hohenlohe dazwischen, würde ich mit größerer Begeiste-rung Glück wünschen und mich der Begebenheit inniger freuen. Indes, keineRose ohne Dornen." Der mir seit jeher etwas unheimliche Dr. Hinzpeterschrieb mir, er gratuliere mir um so aufrichtiger, als er wisse, wie unendlichschwer es sei, zugleich das Vertrauen und die Sympathie seines früherenhohen Zöglings zu erwerben. Da es ihm selbst nur gelungen sei, das erstereund nicht das letztere zu erlangen, könne er sich nicht einer gewissen