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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE ADLIGEN REGIMENTER

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geeigneten Herrn von Goldschmidt-Rothschild. Sein Vater hatte für philan-thropische Bestrebungen stets eine offene Hand. Seine Großmutter, dieBaronin Willy Rothschild, die, wie ich glaube, dem neapolitanischenZweige des Hauses Rothschild entstammte, war eine sehr distinguierteDame, die mit meinen Eltern wie mit meiner Schwiegermutter nahe befreun-det gewesen war. Wilhelm II. verehrte sie sehr. Der junge Mann war sicher,in Paris und erst recht in London in allen Salons und Klubs gut aufgenom-men zu werden. Er wußte, daß in Wien der Zutritt zu Hofe seiner Familiedurch besondere kaiserliche Verfügung gesichert war. In Deutschland auf-gewachsen, wollte er aber bei uns in die Armee eintreten, was durchzusetzenmir trotz aller Mühe nicht gelang. Ich attachierte ihn später der Botschaftin London , wo er sich rasch eine gute Position machte. Übrigens muß ichzugeben, daß sowohl die Kriegsminister wie der Generalstab in dieserBeziehung nicht unvernünftig waren. Sie gaben mir auch darin recht, daßmit der Kommandierung von Frontoffizieren zum persönlichen Dienst beideutschen Fürsten und Prinzen, mit Kommandanturen und Gouverneur-posten manches gesündigt würde und Eugen Richter nicht ganz unrechthatte, wenn er nicht nur den berühmten ausgestopften Hauptmann vom1. Garderegiment, sondern auch die allzu vielen militärischen Sinekurenzum Gegenstand seiner Kritik im Reichstag machte. Es handelte sich hier,wie bei der teilweisen Ausschließung der Bürgerlichen und allgemeinenAusschließung der Israeliten, um einen Schlendrian, dem gerade deshalbschwer beizukommen war, weil er mehr auf eingewurzeltes Vorurteil alsauf bösen Willen einzelner Persönlichkeiten zurückzuführen war.

Dem Kaiser lagen Vorurteile in dieser Beziehung ganz fern. Er machtezwischen adlig und bürgerlich auch in seiner Umgebung gar keinen Unter-schied, und wenn bürgerliche Offiziere in den Adelsstand erhoben wurden,so geschah es, weil solche Wünsche der Betreffenden immer wieder und sehrdringend hervortraten. Antisemitische Velleitäten lagen dem Kaiser erstrecht fern, wie ich schon bei Besprechung der Differenzen ausführte, dieüber die Kanalfrage zwischen Wilhelm II. und den von Graf Limburg-Stirum geführten Konservativen spielten. Der Kaiser hatte nicht diejenigenkavaliermäßigen Anschauungen, die bei uns unter den Upper ten thousandziemlich weit verbreitet waren. Unser damaliger Gesandter in Luxemburg,späterer Gesandter in Hamburg und Reisebegleiter des Kaisers, endlichBotschafter in Wien , Herr von Tschirschky, war mit einer Tochter einesBudapester Fabrikbesitzers Stummer von Tavornok verheiratet, die vonväterlicher Seite wahrscheinlich, von mütterlicher sehr wahrscheinlichjüdischer Abstammung war. Statt sich zu sagen, daß es für einen vernünf-tigen Menschen keinen Unterschied macht, ob in den Adern seines durchausanständigen und dabei recht wohlhabenden Schwiegervaters magyarisches,