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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER ZAR GEREIZT GEGEN DEN KAISER

germanisches oder semitisches Blut fließe, hatte Tschirschky die Schwäche,Seiner Majestät zu erzählen, daß seine Gattin dem Hochadel angehöre.Bei einem Diner auf der österreichischen Botschaft in Berlin frug Wilhelmll.in meinem Beisein den Botschafter Szögyenyi:Nicht wahr, Frau vonTschirschky ist von großer Familie?" Echt österreichisch entgegnete derBotschafter:Eire Majestät, ich bittäh, Frau von Tschirschky ist ausguter, aus szär einer guten, guten Familie. Aber von (mit Betonung) Famühlje kann beiläufig nit die Rede sein." Als der Kaiser am nächstenTage, nicht von mir, über das Pedigree der Frau von Tschirschky orientiertwurde, meinte er lachend und mit herzerfrischendem, gesundem Menschen-verstand :Tschirschky kann dankbar sein, daß er einen vermögenden, undglücklich, daß er einen ehrenwerten Schwiegervater hat. Ob dieser nun derfinnisch-ugrischen, der indogermanischen oder der semitischen Rasse ange-hört, ist ja ganz egal." Ich wiederhole noch einmal: Ein Philister warWilhelm II. wirklich nicht.

Aus Petersburg hatte ich noch als Staatssekretär von unserem früherenGeneral langjährigen General ä la suite der Kaiser Alexander II. und Alexander III. ,Werder über d em General von Werder, wohl demjenigen Deutschen, der während derh fl"f ^ etzten f uni ' z ig Jahre persördich in Rußland am behebtesten war, am1. März 1900 einen längeren Brief über die dortige Stimmung erhalten.Einer Einladung des Kaisers Nikolaus II. folgend, hatte Werder längereZeit als Gast der russischen Majestäten im Winterpalais geweilt. Werder schrieb mir:Der Kaiser Nikolaus hat mich wie immer in der liebens-würdigsten und sympathischsten Weise empfangen. Er ist gesünder denn je,hat zehn Pfund zugenommen und geht bei schlechtem Wetter auf die Jagd.Ich hörte, daß er leider außerordentlich gereizt gegen unseren Kaiser ist.Der Großherzog von Hessen soll nicht unterlassen haben, zu schüren. Beimeinem Besuch hat der Zar nicht nach Seiner Majestät gefragt. Anderer-seits hat der Zar es sehr übelgenommen, daß der Thronfolger (Großfürst)Michael in England nicht den Hosenbandorden bekommen hat. Der Zare-witsch ist überhaupt nicht sehr zufrieden über seine Aufnahme in London zurückgekommen. Seine Umgebung beklagt sich aber auch über unserenKaiser, welcher sie auffallend kühl behandelt und ihnen abfälligerweise denRücken zugekehrt hätte. Aber man kennt ja die Prätentionen der Herren,namentlich die russischen Offiziere sind oft ungemessen, und es ist nur des-halb unangenehm, weil eines zum anderen kommt und die Erzählungendarüber Öl ins Feuer gießen. Es Hegt nichts Greifbares vor, man kann esnicht fassen: wer hat beleidigt, wer ist der Beleidigte ? So oft sind es nurKleinigkeiten, welche den Stoff zu Mißverständnissen liefern. Aber es ist zuschlimm, wenn sie eine Kette bilden. Ich möchte Ihnen nur noch sagen,daß man Alvensleben von allen Seiten mit Vertrauen entgegenkommt und