EIN VAKANTER BOTSCHAFTERPOSTEN
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daß ich überzeugt bin, daß er hier eine gute Stellung haben wird." DerGroßherzog von Hessen hatte großen Einfluß auf seine Schwester, dieregierende Kaiserin von Rußland , die mit allen Fasern an ihrer hessischenHeimat hing. Wie die meisten deutschen Fürsten konnte er den Kaiser,obschon sein leiblicher Vetter, nicht leiden und mag sich in maliziöserWeise über ihn ausgelassen haben. Thronfolger war damals, vor der Geburtdes Sohnes des Kaisers Nikolaus IL, dessen Bruder, der Großfürst MichaelAlexandrowitsch. Er war bei seiner Reise nach England auf der Durchreisein Kiel von Seiner Majestät empfangen, aber allerdings nicht sonderlich gutbehandelt worden. Das kam bei Besuchen fremder Fürstlichkeiten nichtselten vor, ging aber bei Wilhelm II. nicht aus Bosheit und überhaupt nichtaus Absicht hervor, sondern aus momentaner Laune. Freilich ist nicht zuleugnen, daß, wie die Verhältnisse sowohl in Rußland wie in England lagen,derartige persönliche Häkeleien Schaden anrichten konnten.
Den Nerv unserer Beziehungen zu Rußland hatte ein anderer unsererfrüheren Botschafter in St. Petersburg , General von Schweinitz, berührt, Dieals er mir auf meine Frage, wen er für den durch den Rücktritt des Generals Vertretungvon Werder vakant werdenden Botschafterposten in St. Petersburg als * n ^ >eters ^ vbesten Anwärter ansehe, geschrieben hatte: „Verehrter Graf! Durch Influ-enza ans Bett gebunden, diktiere ich meiner Tochter den Dank dafür, daßSie mir durch einen Beweis ehrenden Vertrauens die Anregung gaben, übereinen mich besonders interessierenden Gegenstand nachzudenken. Vormeinem Ausscheiden im Herbst 1892 bezeichnete ich als maßgebend für dieWahl meines Nachfolgers drei Punkte: Diplomat von Fach; geborenerPreuße; Vertrauen erweckende Persönlichkeit. Euer Exzellenz erinnernsich, wie sehr Alexander III. zu Mißtrauen neigte, besonders gegen geistighervorragende Menschen. Die drei von mir bezeichneten Eigenschaftenfand ich damals in Grafen Alvensleben vereinigt. General Caprivi stimmtemir bei, und wenn ich nicht irre, hatte auch Seine Majestät schon einge-willigt, als unter Wladimirschem Zutun ein Wechsel eintrat. Kaiser Alex-ander, dem mein Abgang unerwünscht und die Ernennung eines Unbekann-ten unheimlich war, hatte sich gefreut, als man ihm den von früher herbekannten und sympathischen Alvensleben nannte. Dies war aber Alvens-leben caelebs. Mit Eurer Exzellenz halte ich Baron Stumm für den Geeig-netsten ; er hatte eine gute Stellung in Petersburg, verstand es vortreff Uch,mit den gros-bonnets der Ministerien laufenden Geschäften nachzuhelfen;dabei stand er mit den femmes huppees auf gutem Fuß. Die BaroninStumm ist elegant, klug, reich, der Frau von Montebello mindestens ge-wachsen. Ich fürchte aber, Baron Stumm würde den Posten nicht annehmen;einer der Faktoren seines Ausscheidens ist noch nicht beseitigt, außerdemist seine Gesundheit nicht gut. Er ist ruhelos — aber wer dann ? Ich muß