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erklären, warum ich Wert darauf lege, daß wir in Petersburg durch einenPreußen vertreten werden. Obgleich die Pietätstraditionen von KöniginLuise, Heiliger Allianz , Kaiserin Charlotte usw., welche 1866 und 70 nochschwer wogen, gründlich verwischt sind, so gibt es doch unlösbare Bande,welche Rußland an Preußen , nicht aber an das Reich fesseln, vor allem dieTeilung Polens mit ihren endlosen Konsequenzen. Ich möchte unsereBeziehungen zu Rußland so sorgsam gepflegt sehen, daß wir selbst in demschlimmsten Falle — Zerwürfnis im Reiche — ein preußisch-russischesBündnis haben können, gleichviel auf wessen Kosten. Nach Kaiser FranzJosefs Abberufung wird es nur zwei wirkliche Monarchen geben. Zwischenihnen muß ein fester Preuße stehen; ein plumper Schwabe, ein liberalerBadenser, ein katholischer Bayer würden solche Geschäfte nicht besorgenkönnen. Darüber, daß ein Fachmann nach Petersburg gehört, bin ich ebensowie 1892 nicht im Zweifel. Besonders erscheint es nicht ratsam, einen Gene-ral dorthin zu schicken: das, was früher so nützlich war, die häufige Begeg-nung mit dem Kaiser, ist weggefallen; eine Erscheinung wie Werder oderich in Krasnoje Selo an der Tafel, wo Kaiser Alexander der Zweite inGegenwart des Generals Chanzy mit mir auf St.-Privat anstieß und denPariser Einzugsmarsch spielen Heß, wäre jetzt, wo die Marseillaise gespieltwird, ein gespensterhafter Anachronismus. Da wäre ein Admiral nochbesser wie ein General. Das dritte meiner Postulate von 1892: vertrauen-erweckende Persönlichkeit, fällt jetzt weg; das Reich braucht in Petersburg einen Vertreter, der nicht bloß mit dem Grafen Murawiew fertig wird, wasja wohl nicht schwer sein dürfte, sondern der auch tanti ist, einem dermerkwürdigsten Staatsmänner unserer Zeit, dem Herrn von Witte, gegen-über Stellung zu nehmen. Eine solche Kapazität würden Euer Exzellenzvielleicht unter mir nicht bekannten Persönlichkeiten finden, aber leider istdie gesellschaftliche Stellung des Botschafters oder des botschaftlichenPaares in St. Petersburg von solcher Wichtigkeit, daß sie meines Erachtensin erster Linie erwogen werden muß. Die große intellektuelle Arbeit, freilichnicht die mikroskopische Beobachtung, kann ja schließlich in der Villa ander Königgrätzer Straße besorgt werden; aber den kleinen ,pannes' in dergroßen Morskoi ist von Berlin aus nicht vorzubeugen, und da weiß ich nunfreilich kein anderes Ehepaar als das Pourtalessche. Ich sehne mich nacheinem Stündchen Gesprächs mit Ihnen, aber ich konnte wegen Unwohl-seins nicht zum Ordenskapitel kommen und kann mich schwer zu einerReise entschließen, wenn kein äußerer Anlaß vorliegt. Mit der Bitte, michder Frau Gräfin zu empfehlen und Ihren Herrn Bruder Alfred zu grüßen,bin ich in treuer Anhänglichkeit Ihr aufrichtig ergebener von Schweinitz."
Die Bemerkung dieses Briefes über Baron Ferdinand Stumm bezog sichauf dessen Zerwürfnis mit Holstein. Während der Ära Caprivi-Marschall