EIN ÜBERRASCHEND PLÖTZLICHES ABLEBEN
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war es Holstein gelungen, Stumm, der unter Bismarck Botschafter inMadrid geworden war, durch allerlei Quertreibereien den Dienst zu ver-leiden. Graf Alvensleben war als Junggeselle in St. Petersburg mehrereJahre Botschaftsrat, fungierte auch wiederholt als Geschäftsträger undmachte sich allgemein beliebt. Durch seine Vermählung mit der verwitwetenGenerahn Winterfeld, geborenen Röder, hatte seine diplomatische Verwert-barkeit gelitten. Mit dem „plumpen Schwaben " meinte Schweinitz Herrnvon Kiderlen-Wächter , mit dem „liberalen Badenser" Herrn von Brauer,mit dem „katholischen Bayer" den Grafen Berchen. Schweinitz traf denNagel auf den Kopf, wenn er darauf hinwies, daß eins der bei verständigerdeutscher Politik unlösbaren Bande, die Rußland an Preußen fesselten, dieTeilung Polens wäre mit allen ihren Konsequenzen. Er hatte auch recht,wenn er forderte, daß unsere Beziehungen zu Rußland so sorgsam gepflegtwerden müßten, daß wir selbst im schlimmsten Fall ein preußisch-russischesBündnis haben könnten, gleichviel auf wessen Kosten. Das galt nicht nurfür ein eventuelles Zerwürfnis im Reich, sondern in noch höherem Grade fürdas Verhältnis zwischen uns, Rußland und Österreich . Wir durften uns,wenn wir dem fridericianischen, dem bismarckschen Geiste treubleibenwollten, nicht ganz die Möglichkeit verbauen, in dem allerschlimmstenFall uns mit Rußland auf Kosten von Österreich zu arrangieren.
Während des Sommers 1900 war der russische Minister des Auswärtigen,Graf Murawiew , 55 Jahre alt, plötzlich gestorben. Sein Tod war ein Verlust Todfür uns, denn er hatte zwei gute Eigenschaften: er war klug genug, voraus- Murawiews,zusehen, daß ein großer Krieg in allen drei Kaiserreichen, namentlich aber Nachfolgein Rußland , für die monarchische Regierungsform eine gefährliche Probesein würde, und er war von mißtrauischer und tiefer Abneigung gegen diePolen erfüllt. Sein Tod trat sehr unvermutet ein. Mein langjähriger Arztund Freund Professor Renvers hat mir erzählt, daß sich Murawiew nichtlange vor seinem Tode von ihm habe untersuchen lassen. Renvers, dessenDiagnose selten fehlging, fand bei dieser Untersuchung das Herz vonMurawiew in tadellosem Zustand. Ohne ein bestimmtes Urteil abgebenzu wollen, vertraute mir Renvers schon damals an, daß das Ableben desrussischen Ministers des Äußern ihm sehr überraschend gekommen sei.Vierzehn Jahre später, bei Beginn des Weltkriegs, wurde der FinanzministerWitte gleichfalls sehr rasch und auch einigermaßen rätselhaft vom Todeereilt. Beide, Witte wie Murawiew , starben der panslawistischen, revo-lutionären Bewegung sehr gelegen. Zum Nachfolger des Grafen Murawiewwar nach einigem Schwanken am 8. August 1900 sein bisheriger GehilfeGraf Lambsdorff ernannt worden. Lambsdorff war einer der treustenJünger des ausgesprochen friedhebenden und deutschfreundlichen Mini-sters von Giers gewesen. Er war einer der wenigen Beamten des Hauses an
Lambsdorffs