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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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EUGEN RICHTER ZU ALT

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Entgegenkommens gegenüber England geübt worden war, verteidigte ichsowohl die letztgenannten Abkommen und den Kaiserbesuch in England wieinsbesondere unsere absolute Neutralität gegenüber dem Burenkrieg mit derNotwendigkeit und Pflicht, freundliche und freundschaftliche Beziehungenzu England aufrechtzuerhalten. Diese Pflicht ergebe sich aus der europäischenGesamtweltlage wie aus dem deutschen Gesamtinteresse. Wir könnten in Süd-afrika nicht den kleineren Interessen die größeren und wichtigeren opfern.

Auf einen Zwischenruf des Abgeordneten Bebel erwiderte ich sofort undmit dem allergrößten Nachdruck: wir würden auch mit größerer Macht zur Eugen Richter See eine maßvolle und besonnene Politik treiben. Die mir in den Mund und dle Fl° tlegelegte Äußerung, wenn wir erst eine starke Flotte hätten, würden wir vomLeder ziehen, hätte ich natürkch nie gemacht. Ich sei kein Narr und redetekeinen Blödsinn. Auch mit einer verstärkten Flotte würden wir eine durch-aus friedliche Politik verfolgen. Wenn wir zur See stärker wären, würdenuns andere Mächte mehr respektieren und solche Zwischenfälle wie inSamoa und bei der Beschlagnahme der Reichspostdampfer sich hoffentlichnicht wiederholen. Ich betonte schließlich nicht ganz zur Zufriedenheitvon Tirpitz, dem vor allem an dem schleunigen Bau der großen Schlacht-flotte gelegen war, daß ich für den Schutz unserer Handelsinteressenvom Standpunkt des auswärtigen Ressorts hohes Gewicht auf die Forderungder Auslandsschiffe legen müsse. Gerade in Südamerika und Ostasien bedürften wir eines größeren Schutzes durch Vermehrung der Zahl unsererKreuzer. Es war nach der langen und bewegten Sitzung der Budget-kommission vom 27. März 1900, daß, wie ich in meinem BuchDeutschePolitik" schon erwähnt habe*, der Führer der Volkspartei, Eugen Richter, an mich herantrat und mir unter vier Augen sagte:Sie werden es durch-setzen, Sie werden die Mehrheit für Ihre Flottennovelle bekommen. Ichhätte es nicht gedacht." In der Unterredung, die sich an diese Bemerkungknüpfte, bemühte ich mich, dem in mancher Hinsicht tüchtigen Mann dar-zulegen, warum mir seine ablehnende Haltung gegenüber der Flottenvorlagenicht verständlich wäre, denn deutsche Seegeltung sei während Jahr-zehnten gerade von der deutschen Demokratie gefordert worden. Herwegh habe der deutschen Flotte das Wiegenlied gesungen, und die ersten deut-schen Kriegsschiffe seien im Jahre 1848 erbaut worden. Ich wies auf alleGründe hin, aus denen wir unsere Industrie und unseren Handel auf demWeltmeer schützen müßten. Richter hörte mir freundlich und aufmerksamzu und meinte schließlich:Sie mögen recht haben. Ich bin aber zu alt, ichkann die Wendung nicht mehr mitmachen." Die von Eugen Richter voraus-gesagte Wendung trat in der Blockzeit ein.

* Fürst von Bülow, Deutsche Politik". Volksausgabe, S. 116.27 Bülow I