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SALISBURY NOCH SEHR GEREIZT
Schon vor dem Kaiserbesuch in Windsor und Sandringham , im Früh-Hatzfeldt sommer 1899, hatte ich die Aufmerksamkeit unserer Botschaft in London aufbei Salisbury Marokko gelenkt. Das Bestreben der Franzosen , ihren nordafrikanischenBesitz durch Marokko zu vergrößern, trat immer sichtbarer hervor, undder Gedanke lag nahe, daß Deutschland und England sich über die Zukunftdieses Landes verständigen könnten. Graf Hatzfeldt hatte auf meine An-regung durch ein längeres Schreiben an Holstein vom 8. Juli 1899 geant-wortet, in dem er zunächst darauf hinwies, daß der englische Premier-minister die persönlichen Angriffe, zu denen sich Kaiser Wilhelm II. ihmgegenüber leider hatte hinreißen lassen, noch keineswegs verdaut habe.Obschon Lord Salisbury hochmütige Gleichgültigkeit vorschütze, sei erinnerlich noch sehr gereizt gegen unseren Kaiser, wie das aus manchenseiner Äußerungen hervorgehe. Das politische Gespräch über Marokko habe dem englischen Premierminister Gelegenheit zu recht lebhaften, umnicht zu sagen scharfen Auslassungen in dieser Richtung gegeben. Er, derBotschafter, habe ernste Bedenken getragen, diese Äußerungen amtlichwiederzugeben und dadurch öl ins Feuer zu gießen. Er habe aber währendseiner Konversation mit Lord Salisbury es an freundschaftlichen, jedochsehr bestimmten Warnungen bezügHch einer Abschwenkung von Deutsch-land nicht fehlen lassen, wie sie kaum ein anderer in London riskierenkönnte.
Als Lord Salisbury eine gewisse Ungläubigkeit bezüglich anderereuropäischer Gruppierungen habe durchbHcken lassen, erklärte ihm Hatz-feldt, er könne ihm aus eigener persönlicher Erfahrung vertraulich dasBeispiel anführen, daß selbst der „Freund" des enghschen Premierministers,der französische Botschafter in London, Baron Courcel, Deutschland in derzweiten Hälfte der neunziger Jahre die französische Unterstützung ange-boten habe, wenn wir nur in die Liste der in London zu erhebenden Rekla-mationen auch Ägypten aufnehmen wollten, was wir abgelehnt hätten.Außer Frankreich gäbe es aber noch andere Mächte, deren Bestreben dahingehe, sich mit uns zu verständigen, wahrscheinlich auf Kosten Englands .Der Marineminister Goschen habe ihm, Hatzfeldt , neulich eingewendet,daß Deutschland keine ernste Schwächung Englands wünschen könne.Graf Hatzfeldt hatte erwidert, daß dies richtig sei, vorausgesetzt, daß diedeutschen berechtigten Interessen von England gebührend berücksichtigtwürden. Die Gefahr England feindlicher Kombinationen läge aber vor,solange man Deutschland in England so schlecht behandle und für diedeutschen Interessen weder Verständnis noch tatsächliches Entgegen-kommen zeige. So mächtig die englische Flotte sein möge, so lasse sich dochdie Möglichkeit nicht bestreiten, daß England durch gewisse, immerhinmögliche Kombinationen in eine unbequeme Lage kommen könnte, die