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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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SALISBURY AUFGERÜTTELT

Kabinett sei eher deutsch -freundlich, würde aber sofort in voller Einigkeitgegen Deutschland Front machen, wenn es gälte, das Jangtse -Tal gegendeutsche Annexionsneigung zu verteidigen.

Graf Paul Metternich, damals noch preußischer Gesandter in Ham-burg , hatte in den ersten Wintermonaten 1900 einen längeren Aufenthalt inEngland genommen, wo er viele persönliche Freunde besaß. Nach Deutsch-land zurückgekehrt, überreichte er mir im Sommer 1900 eine Aufzeichnungüber seine englischen Eindrücke, in der er unter anderem ausführte:

Als ich im Anfang Februar d. J. nach England kam, wurde ich vonBericht manchen Seiten daraufaufmerksam gemacht, daß Lord Salisburyeinalterunddes Grafen gebrochener Mann sei, der nicht mehr lange im Vordergrunde der GeschäfteMetternich g^^^ wero " e> E r j s t 5 wenn ich mich recht erinnere, siebzig Jahre alt. Dielangwierige Krankheit seiner Frau, die er Anfang des vergangenen Wintersverloren hat und an der er sehr hing, war ihm besonders nahegegangenund hatte ihn harassiert. Der südafrikanische Krieg, in den er ohne seinZutun hineingezogen worden ist, legte vor den Augen der Welt mancheSchäden bloß und verminderte, besonders im Anfang des Winters, dasAnsehen Englands in der Welt. Auch dies wird ihm nahegegangen sein.Er ist im Herzen ein stolzer Patriot, und unter den lebenden Staatsmännernverkörpert sich das Prestige Englands hauptsächlich in ihm. Aber, wie dasso geht im Leben, drohende Schicksalsschläge, die der Mensch herannahensieht, bedrücken ihn oft mehr als das Eintreten des gefürchteten Ereig-nisses selbst, und durch den Tod seiner Frau war unter dem heilendenEinfluß der Zeit, welcher bei alten Leuten noch schneller wirkt als beijüngeren, eine Last von ihm genommen, so daß sich Lord Salisbury wiederfreier dem öffentlichen Leben zuwenden konnte. Auch der Krieg nahm eineandere Wendung, der tiefste politische Barometerstand war für England vorüber; was die Unfähigkeit seiner Generale verschuldet hatte, schienendie reichen Hilfsquellen des Landes und des Reichs an Geld und Menschenwieder gutzumachen, und eine fröhlichere, frischere Stimmung bemäch-tigte sich der Gemüter. Auch dies mag dazu beigetragen haben, LordSalisbury aus der Lethargie aufzurütteln, in die ihn Alter, Mißgeschick undzunehmende Korpulenz zu versenken gedroht hatten. Ich fand ihn, alsich ihn Mitte Februar zuerst wiedersah, wohler aussehend als vor vierJahren. Nur der Blick ist matter und sein Wesen noch unbestimmter,ungreifbarer möchte ich sagen, als ehedem. Er ist von der äußersten Vor-sicht des Ausdrucks geworden, und wenn er glaubt etwas zugestanden zuhaben, so sucht er es im nächsten Augenblick wieder abzuschwächen. Erwar als Cunctator immer bekannt. Das Alter, die Kriegslage, vielleichtauch Mißtrauen gegen uns mögen diese Naturanlage verschärft haben,obwohl ich weiß, daß er mir persönlich sehr wohlgesinnt ist. Nach dem Tode