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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DERMETEOR" GEWINNT NICHT

weder an die ihm zugeschriebene Absicht, sich zurückzuziehen, noch auchdaran glaube, daß er durch Neuwahlen oder andere Umstände aus dem Sattelgehoben werden wird. Wir dürfen uns aber meines Erachtens auch darübernicht täuschen, daß Lord Sahsbury in der Regierungspartei nicht dereinzige ist, der uns politisch nicht wohlwill. Als ich neulich in der Ober-befehlsfrage auf andere Minister einzuwirken suchte, fand ich zwar poli-tisches Verständnis für die Notwendigkeit, uns entgegenzukommen, abernur geringen persönlichen Enthusiasmus. In den Büros des Foreign Officeherrscht, wie ich Ihnen schon früher schrieb, durchaus keine freundlicheGesinnung für uns, für Deutschland und die Deutschen, wenn sie sich auchunter freundlichen Formen versteckt. Man findet dort ganz naiv, daß unserInteresse in allen großen politischen Fragen, wenn wir es richtig verstehen,mit demjenigen Englands übereinstimmt und daß wir daher letzterem zufolgen haben, ohne besondere Belohnung oder Vorteile dafür zuverlangen. Auch in geselligen Kreisen finden wir wenig Sympathie. Eswird mir aus sehr guter Quelle versichert, daß neulich in Cowes sogar unterden Seiner Majestät nahestehenden Kreisen (Lord Ormonde usw.) durchauskeine Mißstimmung herrschte, als der ,Meteor' nicht gewann. Das Fazit ausalledem scheint nach wie vor, daß wir den Leuten hier in den vorkommen-den Fragen zeigen müssen, ohne Animosität an den Tag zu legen, daß wir rwie in der Jangtse -Frage, nicht zu haben sind, wenn man uns nicht dasentsprechende Entgegenkommen zeigt. Das setzt natürlich voraus, daßwir uns auch Rußland gegenüber nicht fest engagieren. Soweit sich dieStimmung dort gegen uns nach den Zeitungen beurteden läßt, würden wirdavon auch wenig Freude haben."

Die persönliche Verstimmung des englischen Premierministers gegen unswar bekanntlich auf wiederholte Friktionen zwischen ihm und Wilhelm II. zurückzuführen, die der hochfahrende Lord dem unvorsichtigen Monarchennie verziehen hat. Der Marquess of Salisbury hatte Kaiser Wilhelm ILweder den persönlichen Zusammenstoß vergessen, den dieser vor meinemAmtsantritt bei einem seiner ersten Besuche in England mit ihm gehabthatte, noch insbesondere dessen Versuch, hinter dem Rücken seiner deut-schen verfassungsmäßigen Berater den leitenden englischen Minister in denAugen der Großmutter Seiner Majestät, der Königin Victoria , zu dis-kreditieren. Lord Sahsbury war übrigens nicht der einzige große Ministereines großen Landes, der einen derartigen Versuch eines fremden Souveränskrummnahm. Der eigentliche Grund, daß Fürst Bismarck 1879 die Wendungzum Bündnis mit Österreich so rasch und heftig vornahm, war, wie man sicherinnert, der Verdacht, daß Alexander II. in Alexandrowo seinen Onkel*den alten Kaiser Wilhelm , allein oder gar in Verbindung mit dem Feld-marschall von Manteuffel gegen den Fürsten Bismarck aufgestachelt hätte