VON SALISBURY NICHTS ZU ERWARTEN
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herausgefühlt haben werde, mache Salisbury Schwierigkeiten in der Ober-befehlsfrage, und es sei unberechenbar, wozu er sich schließlich entscheidenwerde. Der Botschafter versuche jetzt Lascelles ins Feuer zu schicken undauch Chamberlain für die Sache zu interessieren. Aber er dürfe ihm imVertrauen nicht verheimlichen, daß die Stimmung in den englischenRegierungskreisen keine günstige für uns sei. Das Foreign Office sei ver-stimmt, daß wir seine Anregung bezüglich der japanischen Interventionin China unter den Tisch hätten fallen lassen. Hatzfeldt war den Herrenvom Foreign Office die Antwort nicht schuldig geblieben und hatte siesehr bestimmt darauf hingewiesen, daß die Haltung der deutschen Regie-rung in Südafrika wie in China angesichts der deutschen öffentlichenMeinung eine außerordentlich korrekte und dankenswerte gewesen wäre.In betreff der japanischen Intervention hätte man nicht verlangen können,daß wir uns pour les beaux yeux de l'Angleterre, auf dessen eventuelleUnterstützung wir nicht einmal mit Sicherheit rechnenkönnten, die russische Feindschaft zuziehen sollten. Lascelles hatte diesauch gar nicht geleugnet, war aber immer wieder darauf zurückgekommen,daß man unsere Haltung in England nicht als eine überall und stets freund-schaftliche betrachten könne. Der Brief schloß mit den Worten: „Siewerden hoffentlich mit mir einverstanden sein, daß ich über diese Symptomenicht, oder wenigstens noch nicht, amtlich berichte, da dies großen Schadenan maßgebenden Stellen anrichten könnte. Dem Staatssekretär Graf Bülowund Ihnen gegenüber glaube ich aber die Wahrheit nicht verschweigen zudürfen. Sie müssen wissen, daß wir momentan hier nicht mit freundlichenGesinnungen zu rechnen haben."
Am 20. August 1900 hatte Hatzfeldt an Holstein geschrieben: „In be-zug auf unsere Beziehungen zum jetzigen englischen Kabi-nett muß ich leider bei der Ihnen wiederholt ausgesprochenenUberzeugung bleiben, daß wir vom jetzigen PremierministerSalisbury keine Freundlichkeit zu erwarten haben. Ich glaube ihnpersönlich besser zu kennen als irgendein Fremder und weiß, daß derHochmut bei ihm persönlich die größte Rolle spielt. In diesem Hochmutfühlt er sich teils durch politische, noch vielmehr aber durch persönlicheVorgänge verletzt, und nichts, was ich dagegen sagen könnte, wird an dieserStimmung etwas ändern. Nur die politische Notwendigkeit wird ihn ver-anlassen, in einzelnen Fragen einzulenken, wie er dies in der Frage desOberbefehls, de mauvaise gräce und weil er nicht anders konnte, getan hat.Unsere Aufgabe ist es daher, die Dinge so zu wenden, daß er uns folgen mußwie in der Oberbefehlsfrage, ohne daß er deshalb behaupten könnte, unseine besondre Gefälligkeit erwiesen zu haben. Jedenfalls werden wir abernach meinem Gefühl noch längere Zeit mit ihm zu rechnen haben, da ich
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