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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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NICHT MEHR NUR BINNENVOLK

Aufgabe sehr, sehr schwierig. Oft habe ich während der neun Sommer, dieich als Reichskanzler in Norderney verlebte, von unserer Villa Edda sorgen-voll hinausgeblickt auf die dunkel wogende Nordsee , das deutsche Meer,mich fragend, ob Gott es mir gewähren würde, diese Aufgabe zu lösen. Vorwie nach meiner Ernennung zum Reichskanzler habe ich gerade England gegenüber stets Ruhe und festen Mut empfohlen. Als ich am 10. Januar1900 auf der Werft des Vulkan in Stettin den SchnelldampferDeutsch-land" der Hamburg-Amerika-Linie taufte, sagte ich in meiner Taufrede:Deutschland , das dem Meer ungeheure Werte anvertraut habe, das seitlange nicht mehr nur Binnenvolk im Herzen Europas sei, sondern im Vorder-treffen der Konkurrenz stehe, müsse auch zur See stark genug sein, umunseren Frieden, unsere Ehre und unsere Wohlfahrt wahren zu können.Wenn wir auf diesem, uns vom Schicksal vorgezeichneten Wege Hinder-nisse zu überwinden und schwierige Stellen zu passieren haben, so wirduns das weder irremachen noch niederbeugen. Mutig und stetig müssenund wollen wir weiterschreiten*." Großherzogin Luise von Baden,die Tochter des ersten, die Schwester des zweiten Deutschen Kaisers,die Gemahlin desjenigen deutschen Fürsten , der die heilige Flammedes deutschen nationalen Gedankens besonders innig und rein in seinemHerzen hegte, telegraphierte mir am nächsten Tage:Ich trage fast Be-denken, Ihre so sehr in Anspruch genommene Zeit auch nur auf einen Augen-blick zu behelligen, kann mir aber dennoch nicht versagen, Ihnen auszu-sprechen, wie sehr die patriotischen, maßvollen und begeisterungsreichenWorte Ihrer gestrigen Rede in Stettin den dankbarsten Widerhall in mirerweckt haben. Von Herzen wünsche ich Ihnen Glück zu dieser bedeutungs-vollen Rede, ruhevoll und überzeugend in ernster Zeit." Die mir gestellteAufgabe war gelöst, über Erwarten gut, ja glänzend gelöst, als ein wederdirekt noch indirekt wegen der Flotte entstandener, nicht von England noch mit England begonnener, sondern durch die täppische Behandlungeines chronischen Orientgeschwürs ermöglichter Weltkrieg alle Anstren-gungen langer, fruchtbarer Jahre vergeblich machte. So steht der Arzt,der sich bewußt ist, ein ihm teures Leben über manche gefährliche Krisisweggebracht zu haben, erschüttert vor dem Sterbebett des von ungeschicktenPfuschern hinterher zugrundegerichteten Freundes.

Von aktuellem politischem Interesse waren für mich, wie schon gesagt,Hatzfeldt die Briefe gewesen, die in den letzten Wochen meiner Geschäftsführung alsan Holstein Staatssekretär Graf Paul Hatzfeldt an Baron Holstein gerichtet hatte.

Ende Juli 1900 hatte der Botschafter seinem Freunde geschrieben, er habeihm nicht viel Erfreuliches zu sagen. Wie er aus den Londoner Telegrammen

* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 98; kleine Ausgabe I, S. 131. ^