DIE QUADRATUR DES ZIRKELS
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Posadowsky und Tirpitz, diesen Mangel durch überragende fachlicheLeistungsfähigkeit wettgemacht hätten. Sie fühlten diesen Mangel auchgar nicht, überzeugt, wie sie es mit einem großen Teil ihrer gebildetenLandsleute waren, daß ein moralischer Charakter, einige gut bestandeneExamina, vielleicht auch der Titel als Hofrat oder Geheimrat vollständigausreichten, damit ein biederer Deutscher überall gern gesehen sei. Vollendsden Kanzlern, die wir seit der Revolution im Amt sahen, Scheidemann ,Fehrenbach und Wirth, Hermann Müller und Bauer, von dem remuantestenund einflußreichsten deutschen Politiker der ersten Revolutionsjahre,Matthias Erzberger , nicht zu reden, mangelte jede weltmännische Ader,ja jedes Verständnis für weltmännisches Auftreten und weltmännischeForm. Alle diese Erscheinungen, die im Laufe des Krieges den Deutschen erst grenzenlos erstaunen, dann in steigendem Maße erbittern sollten unddie, als mit der Auflösung und dem Verschwinden unserer herrlichen Armeeder Respekt vor Deutschland, vor dem einzelnen Deutschen , vor demdeutschen Geist überall um 80 Prozent abnahm, sich noch akzentuierten,waren um die Wende des Jahrhunderts den meisten noch verborgen. Diewenigsten fühlten, daß zwischen uns und anderen Völkern nicht nur wirt-schaftliche Eifersucht und politische Feindschaft lagen, sondern vielfachauch gesellschaftliche Antipathien. Das häßliche Wort „boche", das dieFranzosen dem Volke angehängt haben, das einen Hölderlin und Mozart ,einen Goethe und Wilhelm Humboldt hervorbrachte und in Dichtkunstund Sprache, in allen Künsten zarter, inniger, im besten Sinne feinfühlenderist als alle andern, soll ja bedeuten, daß der Engländer uns nicht „gentleman-like", der Franzose nicht „gens du monde" findet, der Italiener bei uns die„gentilezza" vermißt. Wenn ich solche Symptome, diesen latenten Gegen-satz schon früher bemerkte, so war es, weil ich einen großen, ja den größtenTeil meines Lebens im Auslande zugebracht hatte, das Ausland kannte unddie fremde Literatur und Presse verfolgte. Dagegen erklärten mir währenddes Weltkriegs mit einem gewissen Stolz deutsche Freunde, wackere undgelehrte Männer in angesehener, ja wichtiger Stellung, daß sie „grundsätz-lich" keine ausländische Zeitung in die Hand nähmen.
Je mehr ich mich seit 1897, also während dreier Jahre, in meinenWirkungskreis hineingearbeitet hatte, um so deutlicher hatte ich es alsmeine Hauptaufgabe erkannt, uns in Würde und Ehren den Frieden zu er-halten, um so deutlicher wurde mir, daß diese Aufgabe zum guten Teil sichmit dem Problem deckte, den für unseren Schutz unentbehrlichen Flotten-bau durchzuführen, ohne Zusammenstoß mit Albion. Holstein, der sich inspitzen Redensarten gefiel, pflegte zu sagen, daß diese Zumutung ihn an dieQuadratur des Zirkels erinnere oder besser an das aus Eisen anzufertigendehölzerne Messer. Aber auch für den besonnen prüfenden Geist war diese