IM VERWÜSTETEN PEKING
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an. Als ich ihn zu der Furchtlosigkeit beglückwünschte, mit der er bereitwäre, sich auf den Stuhl eines ermordeten Vorgängers zu setzen, meinte erlächelnd: „Ich habe mich viel mit diplomatischer Geschichte beschäftigtund festgestellt, daß noch niemals an demselben Posten zwei diplomatischeVertreter derselben Macht hintereinander ermordet worden sind. Also binich in Peking sicherer als irgendwo sonst." Er trat dann ohne Verzug dieFahrt nach Peking an, von wo er mir bald nach meiner Ernennung zumReichskanzler in einem längeren Schreiben seine ersten Eindrücke schilderte.Wie die meisten unserer Auslandsvertreter begann er mit der Versicherung,wie sehr es ihn beglücke, daß bei der Wiederbesetzung des Kanzlerpostensdie Wahl Seiner Majestät gerade auf mich gefallen wäre. Donec eris felix,multos numerabis amicos. Aufrichtig, wie ich glaube, fügte Mumm hinzu,er wünsche sich selbst Glück, daß ein so gütiger und menschlichen Re-gungen zugänglicher Vorgesetzter ihm nunmehr zum dritten Male beschertwürde, und freue sich noch nachträglich seiner Versetzung nach Bukarest ,die ihn mir nahegebracht hätte. Er gab eine malerische Schilderung dergroßen Schwierigkeiten seiner Fahrt von der Küste nach Peking, die er beieisigem Nordsturm, eingehüllt in gewaltige Staubwolken, in „dem" Salon-wagen, d. h. in dem einzigen besseren Waggon der Eisenbahn, unternommenhätte, in dem trotz der Kugellöcher ein kleiner Ofen die Existenz einiger-maßen erträglich gemacht habe. Verglichen mit den Nachtquartieren inden chinesischen Häusern wäre ein besserer Schweinestall bei uns einPalast. Eine Kälte von drei bis vier Grad unter Null wäre durch die nurmit einer Matte verdeckte Türöffnung und durch die Papierfenster inempfindlichster Weise eingedrungen; er begriffe noch nicht, wie er ohneLungenentzündung davongekommen sei. Nach dem Verlassen der Eisen-bahn mußte die Fahrt im Wagen fortgesetzt werden, mit ganz überwiegendschlechten Pferden. „Glücklicherweise befand sich unter den Pferden derEskorte zufällig auch ein ostpreußisches, und da ein Preuße eben unterallen Umständen seine Pflicht tut, wurde es angespannt und brachte unsgegen sechs Uhr abends nach Tungchou." Der Weg von dortnach Pekinghattedem Gesandten einen trostlosen Eindruck gemacht. Alle Ortschaften gänz-lich verödet und vollständig in Trümmern. Die einzigen lebenden Wesenhalb verhungerte Hunde, die keine Leichen mehr zum Fressen fanden.Auch der erste Eindruck von Peking war sehr niederdrückend gewesen.Die gewaltigen Steinmauern erschienen dem Gesandten wie Gefängnis-mauern, und die grenzenlose Verwüstung verstimmte sein Gemüt. Nichtsals Schutt und Trümmer. Er fuhr durch das Tung-Pien-Men-Tor, auf dem„unsere stolze schwarz-weiß-rote Flagge" wehte, in die chinesische Stadtund dann durch das weltberühmte Hatamen-Tor in die Tatarenstadt.Die Straße vom Hatamen-Tor an, in welcher der Vorgänger von Mumm