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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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FLITTERWOCHEN DER KANZLERZEIT

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Ich durfte endlich mit Genugtuung feststellen, daß ich das Vertrauender Bundesregierungen besaß. In der Sitzung des Bundesratsausschusses Rede vor demfür auswärtige Angelegenheiten, die am 11. Juli 1900 abgehalten worden Bundesrats-war, hatte nach einem von mir gegebenen ÜberbHck über den Stand der^ usscnu ßchinesischen Angelegenheit wie über die gesamte Weltlage der Vorsitzendedes Ausschusses, der königlich bayrische Staatsminister Freiherr vonCrailsheim , im Namen des Bundesrats erklärt, die bayrische Regierungsei mit den Grundzügen der von mir dargelegten Politik einverstanden, siewürde meine Politik mit voller Uberzeugung unterstützen. Ich möge michdes Vertrauens der königlich bayrischen Regierung versichert halten. Diegleiche Erklärung gab für die sächsische Regierung Staatsminister vonMetzsch ab: die sächsische Regierung billige mein Programm und meineZiele und erkenne meine schon bewährte Politik als die richtige an. Alleübrigen Vertreter der Bundesstaaten äußerten sich in gleichem Sinne. Sokonnte der Vorsitzende des Ausschusses, Freiherr von Crailsheim , die ab-gegebenen Erklärungen dahin resümieren, daß die im Ausschuß vertretenenBundesregierungen die von dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtesdargelegte und vertretene Politik einmütig billigten. Bevor die Sitzung auf-gehoben wurde, ergriff der Vorsitzende noch einmal das Wort, um zu er-klären, daß nach der Überzeugung aller Bundesregierungen die Leitungunserer auswärtigen Politik gegenwärtig in guten Händen liege. Man könnemit Vertrauen in die Zukunft blicken,solange diese Hände das Steuerhielten". Die letzten Worte hatte Crailsheim mit gewolltem Nachdruck underhobener Stimme gesprochen. Ich stellte in meiner Erwiderung auf diesesVertrauensvotum fest, daß meine zu meiner Befriedigung von den ver-bündeten Regierungen gebilligte politische Tätigkeit die Ausführung dertatkräftigen, zugleich maßvollen und besonnenen Politik Seiner Majestätdes Kaisers wäre.

Wenn ich stets entschlossen war, mein Bestes daran zu setzen, KaiserWilhelm II. ein einsichtiger Berater zu sein, so ging mir selbst damals in den CharakteristikFlitterwochen meiner Kanzlerzeit, wo der hohe Herr mich mit Beweisen von Wilhelms II.Freundschaft und Vertrauen überschüttete, mehr als einmal das melan-cholische Wort durch den Sinn, das Madame Mere , die Mutter des großenNapoleon, sprach, als das Kaisertum der Bonaparte auf seinem Gipfelstand: ,,Ca va bien pourvu que ca dure." Ich habe mich des Vertrauensund der Freundschaft des Kaisers Wilhelm II. nie ganz und nie wirklichsicher gefühlt. Ich habe zu ihm nie das Vertrauen gehabt, das ich in langenJahren in Paris wie in Berlin zu dem Fürsten Chlodwig Hohenlohe , das ichzu Loe, zu dem Prinzen Heinrich VII. Reuß und dem Fürsten Otto Stol-berg als Vorgesetzten, das ich zu Rheinbaben und Schorlemer, zu Bosseund Studt als Kollegen, das ich zu Franz Arenberg, zu Knesebeck und