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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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WILHELM IL REITET ATTACKE

August Dönhoff, zu Adolph Deines und zu Fritz Vitztum als Freundenempfand. Gewiß war auf dem Gebiet der auswärtigen Politik die Friedens-liebe Seiner Majestät über jeden Zweifel erhaben. Auf Ehre und Gewissenkann ich versichern, daß Kaiser Wilhelm II. nie, in keiner Stunde meinerMinisterzeit, an einen Angriffskrieg gedacht hat. Wühelm II. hat einigeJahre vor dem Weltkrieg (wenn ich mich nicht irre, von einem pomischenMaler) ein Bild malen lassen, das in der Form eines Triptychons nebenein-ander Friedrich den Großen, den Krückstock in der Hand, auf demSchlachtfeld von Leuthen, Wilhelm I., bei Königgrätz von den siegreichenTruppen begrüßt, und Wilhelm IL, mit hochgeschwungenem Säbel an derSpitze seiner Königsulanen bei einer Manöverattacke, darstellte. Wil-helm II. verschenkte gern dieses Bild, das besser als die längste Abhandlungdie ganz aufrichtige Friedensliebe Seiner Majestät zum Ausdruck brachte.Das war es, was er in Wirklichkeit wollte:schneidige" Allüren und einforsches" Auftreten, aber keine wirkliche Gefahr, keine ernstbche Probe.Er hat nie andere als Manöverattacken reiten wollen. Sein Unglück warnur, daß er aus Naivität, auch aus Oberflächlichkeit, vor allem in bisweilenkindbcher Eitelkeit den Schein für Wirklichkeit nahm und zur Wirklichkeitstempeln wollte. Tatsächlich war er, soweit es sich um Krieg und Friedenhandelte, eher ängstlich. Sein böser Oheim Eduard VII. hatte schon alsPrinz von Wales in Paris den Franzosen , die sich wegen einer rasselndenRede des Deutschen Kaisers alarmiert zeigten, lächelnd gesagt:Chien quiaboie ne mord pas." Schon die Möglichkeit kriegerischer Verwicklungenerschreckte ihn, und es lag bisweilen die Gefahr vor, daß unsere Gegner imVertrauen auf die innerliche, intensive Scheu des Kaisers vor ernstlichenKomplikationen uns zu viel bieten könnten.

Womöglich noch ferner als der Plan, mit dem deutschen Heer überunsere Nachbarn herzufallen, lag Kaiser Wilhelm II. die Absicht, mitseiner gehebten Flotte England anzugreifen. Nie ist Wilhelm II. der Ge-danke auch nur durch den Kopf gegangen, England mit Krieg zu überziehen.Tirpitz hatte, bis er sich von seinem Eifer für sein Ressort, für seine Sacheweiter, immer weiter und schließlich zu weit fortreißen ließ, den richtigenGedanken vertreten, wir müßten zur See so stark werden, daß ein Angriffauf uns für den Angreifer mit einem erheblichen Risiko verbunden wäre.Dann stünde ruhigen, vertrauensvollen und sicheren Beziehungen zwischendem deutschen und dem englischen Volke auf der Basis der Gleichberech-tigung nichts mehr im Wege. Das Bild, das der Phantasie Wilhelms II. alsschönste Zukunftsperspektive vorschwebte, war, daß er an der Spitze einergroßen, einer sehr großen deutschen Flotte eine friedliche Fahrt nach Eng-land antreten würde. Auf der Höhe von Portsmouth würde den DeutschenKaiser der englische Souverän an der Spitze seiner Kriegsflotte erwarten.