DER „WELTHISTORISCHE MOMENT ERSTER GRÜSSE"
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Die beiden Flotten würden aneinander vorbeidefiberen, jeder der beidenSouveräne auf der Kommandobrücke seines Flaggschiffs in der Marine-uniform des anderen und mit dem Ordensband des anderen. Dann würdenach dem Austausch der obligaten Umarmungen und Küsse in Cowes einGaladiner mit herrlichen Reden stattfinden.
Kein deutscher und erst recht kein englischer oder französischerPazifist war von so ehrlicher und tiefer Friedensliebe erfüllt wie KaiserWilhelm II. Sein und unser Unglück war nur, daß seine Worte und seineGesten dieser inneren Stimmung nicht entsprachen. Wenn er in Wortenrenommierte oder gar drohte, so war es übrigens nicht selten, um seineinnere ängstliche Gemütsstimmung zu betäuben. Heinrich Heine sprichtin einem boshaften Gedicht von den Kindern, die, um sich im FinsternMut zu machen, ein lautes Lied anstimmen. Ein englisches Blatt, der„Spectator", erinnerte mit Bezug auf die vom Kaiser von Zeit zu Zeitgehaltenen hochgemuten Reden an die irische Anekdote von dem Jungen,der abends über den Kirchhof geht und seine Furcht unter Pfeifen ver-birgt. Dazu kam der bedauerbche Hang zum Bramarbasieren und Re-nommieren, den Wilhelm II. weder von seinem edlen, ritterbchen undganz furchtlosen, aber dabei innerlich, bescheidenen Vater geerbt hatte,noch von seinem gerade durch sein schlichtes Wesen so vornehmen Groß-vater Wilhelm I. , noch von seiner hochgebildeten, in ihrem Auftreten fastschüchternen Mutter, noch von seinen beiden Großmüttern, der KaiserinAugusta und der Königin Victoria , die beide durch Würde und Takt auchgeistig auf der Menschheit Höhen wandelten.
Das Großsprecherische im Wesen Wilhelms II. war im Frühjahr 1900in besonders charakteristischer Weise bei dem Toast zum Ausdruck ge- Toast beikommen, den er am 6. Mai anläßlich der Mündigkeitserklärung des Krön- Mündigkprinzen in Gegenwart des fast siebzigjährigen Kaisers Franz Josef, vor den er ^ arun Sfürstlichen Vertretern aller deutschen und vieler ausländischen Staaten Kron P rinausbrachte. Er erklärte in seiner Rede, daß es sich nicht um ein einfachesFamilienfest, sondern um einen „welthistorischen Moment erster Größe"handle. Ach, diese Mündigkeitserklärung war nur ein höfisches Intermezzo.Auch die Geburt des einzigen Sohnes des Kaisers Napoleon III. und diedes einzigen Sohnes des Kaisers Franz Josef, beide in meinen Jugend-erinnerungen von mir gestreift, waren nicht wirkbch historische Momente.Und selbst die Geburt des Königs von Rom war kein Ereignis wie dieReformation oder die große Französische Revolution oder die EinigungDeutschlands durch Bismarck oder das italienische Risorgimento oder dieUnabhängigkeitserklärung der dreizehn Vereinigten Staaten von Nord-amerika. Und doch hatte von der Geburt des Königs von Rom Victor Hugo gesungen: