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oder in der Eile oder auch, ohne viel nachzudenken, auf eigene Faustschrieb oder telegraphierte. In den nach der russischen Revolution von denBolschewisten herausgegebenen Briefen des Kaisers an den Zaren ist leichtzu erkennen, welche ihm ganz von seinen verfassungsmäßigen Beraternaufgesetzt worden sind, welche ihm von diesen korrigiert wurden, welchevon ihm im Entwurf abgeändert oder auch von ihm ganz allein konzipiertworden sind. Ich glaube übrigens, daß auch die englischen Minister nichtalle Briefe des Königs Eduard und namentlich der Königin Victoria kon-trolliert oder auch nur von allen Briefen gewußt haben.
Am 14. Juli 1900 schrieb mir Eulenburg aus Trondhj em : „Man kommt
Zwischenfälle gar nicht zur Ruhe und ist von früh 348 bis abends %12 beständig inauf der Unruhe. Schon das gräßliche Turnen früh um 8 Uhr kann einen entsetzen!
Nordlandreise Q ott i 0 b [ st 3. M. entschieden ruhiger seit der Abreise bis auf einige kleineunbedeutende Ausbrüche. Er ist seit jener Krachgeschichte in Kiel vonimmer gleicher, rührend netter Zutraulichkeit und Rücksicht für mich.Ein kritischer Moment wird die Rückkehr zu der Kaiserin werden. Das isteine ernste Frage, die für die Weiterentwicklung des Kaisers mit Gefahrenverknüpft ist und von der guten Kaiserin aus Mangel an Verstand undEinsicht nicht gelöst werden wird." Der „Krach" in Kiel hatte einige Tagevor dem Antritt der Nordlandreise die Nerven des armen Phili auf eineharte Probe gestellt. Die allmählich bei Seiner Majestät aufdämmerndeErkenntnis, daß es dem Feldmarschall Waldersee nicht mehr beschiedensein würde, große Schlachten zu gewinnen, ja daß Peking ohne ihn entsetztwerden könnte, hatte Seine Majestät nach der mir durch Eulenburg vondieser Szene gegebenen Schilderung völlig aus dem Gleichgewicht gebracht.Er hatte über Rußland und England , die ihn „verraten" hätten, in denheftigsten Ausdrücken gesprochen, auch seine eigenen Ratgeber nicht ge-schont und schließlich von Eulenburg verlangt, er solle ihm ein Telegramman das Auswärtige Amt aufsetzen, in dem er den sofortigen Abschluß einesSchutz- und Trutzbündnisses mit dem bisher von ihm verachteten undgeschmähten Japan befehle. Nur mühsam war es Eulenburg gelungen, denKaiser von diesem Gedanken abzubringen.
Am 15. Juli 1900 meldete mir Philipp Eulenburg : „Gestern schrieb ichDir, daß eine größere Ruhe eingetreten sei. Heute muß ich Dir schon mit-teilen, daß gestern abend wieder ein heftiger Ausbruch stattfand, der michmit Sorgen erfüllt. Ich ging mit Seiner Majestät und Georg Hülsen aufDeck spazieren. Wir erzählten uns harmlose Theatergeschichten. Der Kaisersprach vom ,Publikum' im Theater und sprang auf die Berliner Gesell-schaft über, von dieser zu den Konservativen, Agrariern usw. Die Heftig-keit war geradezu erschreckend, und die Sorge, die ich Dir schon früheraussprach, er könne sich, mit allen alten preußischen Traditionen brechend,