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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER LEIBARZT IST RATLOS

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feindlich tatsächlich gegen die Konservativen wenden, indem er sich denLiberalen in die Arme wirft, um die Konservativen zu zerschlagen,trat mir persönlich ganz aktuell vor Augen. Ich kann nicht anders sagen,als daß ich in einen Abgrund von Haß und Erbitterung geblickt habe,der durch nichts eine Änderung erfahren kann. Ich habe das Gefühl, daßirgendeine neue in Erscheinung tretende Opposition der Agrar-Konser-vativen den Becher zum Uberlaufen bringen muß. Seine Majestät hat sichnicht mehr in der Gewalt, wenn ihn die Wut erfaßt. Gestern sah ernicht einmal, daß Matrosen in der Nähe standen, als er tobte, die jede Silbehören konnten. Hülsen war so entsetzt, daß er nachher krank wurde . . .Ich halte den Zustand für sehr gefährlich, in dem wir uns befinden, undweiß keinen Rat, Leuthold ist auch unsicher. Er sieht eine Art Schwächedes Nervensystems in diesem Zustand, weist aber jede Befürchtung bezüg-lich geistiger Veränderungen entschieden zurück. Ich habe das Gefühl,auf einem Pulverfaß zu sitzen, und bin äußerst vorsichtig. Beschränke,bitte, die politischen Mitteilungen auf ein möglichst geringes Maß underfordere Entscheidungen nur, wo sie unvermeidlich sind." Leuthold, derlangjährige Leibarzt Kaiser Wilhelms L, war nach dem RegierungsantrittKaiser Wilhelms II. in derselben Eigenschaft in dessen Dienst getreten. Erwar ein durch und durch achtungswerter, ruhiger und treuer Mann. Amspäten Abend desselben 15. Juli schrieb Eulenburg, es habe wieder bei Tischund nach Tisch so viele Aufregungen über Lappalien gegeben, daß man nichtwisse, wohin dieser Zustand führen könne. Leuthold hätte ihm erklärt, ersei ganz ratlos. Jeder Vorschlag einer Änderung der Lebensweise würde vonSeiner Majestät heftig zurückgewiesen. Es hieß in dem an mich gerichtetenBrief des besten Freundes Seiner Majestät weiter:Leuthold erklärt mir,das Leben auf dem Schiff sei keine Erholung, sondern eine Anstrengung,doch wisse er nichts Besseres vorzuschlagen. Ich sehe auch nichts anderes,als ruhig abzuwarten und Gott zu bitten, daß nicht irgend komplizierteDinge an Seine Majestät herantreten, denn mehrere Szenen, wie ich sie inKiel hatte, würden zu irgendeiner nervösen Krise führen, deren Form nichtvorauszusehen ist. Gute Nacht. Es ist 1 Uhr, und ich bin sehr müde. DieseDinge gehen mir sehr nahe. Ich habe so viel Zutrauen in des Kaisers Be-gabung und in die Zeit gehabt, jetzt versagt beides, und man siehteinen Menschen leiden, den man von Herzen lieb hat, ohne ihm helfen zukönnen!"

Am 20. September 1900, vier Wochen vor meiner Ernennung zum Reichs-kanzler, hatte mir Eulenburg aus Rominten einelebhafte" Unterredung Unruhegemeldet, die er mit Seiner Majestät über die agrarische Bewegung gehabt in Romintenhätte. Es hieß in diesem Brief:Ich fand den Kaiser total verändert wieder:gut aussehend, frisch, einfach, natürlich und ohne Exaltation. Das Manöver,