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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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LÖWE UND TIERBÄNDIGER

könne. Ich sage nicht, daß Eulenburg ein Zerwürfnis zwischen dem Kaiserund mir wünschte. Aber er war überzeugt, daß bei der Natur Wilhelms II.meine Kanzlerschaft mit einem solchen endigen würde. So betrachtete ermeine Wirksamkeit als Kanzler etwa mit den Empfindungen, von denenbeseelt jener Engländer dem seinerzeit berühmten Tierbändiger Beattydurch den ganzen Kontinent nachreiste und jeder seiner Produktionen bei-wohnte, immer in der sicheren Erwartung, den spannenden Moment zuerleben, in dem der Löwe über Beatty herfallen und ihn auffressen würde.Daß der Reichstag nicht schon im Sommer 1900 im Hinbbck auf dieEinberufung Chinawirren einberufen wurde, war in erster Linie darauf zurückzuführen,des Reichstags j a ß d er Kaiser und ich den Reichskanzler Hohenlohe bei seiner körperlichenSchonungsbedürftigkeit nicht den aller Voraussicht nach stürmischenparlamentarischen Debatten aussetzen wollten. Nach meiner Ernennungzum Reichskanzler vertrat ich beim Kaiser den Standpunkt, daß der Reichs-tag nun so bald als möglich einberufen werden müsse. Der Kaiser sah esim allgemeinen Heber, wenn der Reichstag nicht beisammen war, stimmteaber schließlich der Einberufung zum 14. November zu. Am 19. Novemberbegann die Debatte über die chinesische Frage, die vier Tage in Anspruchnahm. Am 24. November folgte die Interpellation wegen der Zwölftausend-Mark-Affäre. Mitte Dezember kamen die Burenfrage und der Nicht-Emp-fang des Präsidenten Krüger zur Sprache.

Ich hatte als Staatssekretär des Äußern mehrfach im Reichstag dasWort ergriffen, stand aber jetzt, zum erstenmal vor langen und großenDebatten, wo nach allen Seiten Front gemacht werden mußte. Während ichdiese Erinnerungen niederschreibe, liegt ein Zeitungsbericht über eine be-wegte Reichstagssitzung vor mir, wo das dem gegenwärtigen Reichs-kanzler sehr freundlich gesinnte Blatt feierlich und mit einer gewissenRührung schildert, wie gewissenhaft der erste Beamte des Reichs seinelange Rede verlesen habe.Der Reichskanzler", heißt es in diesem Parla-mentsbericht,erhebt sich und eilt ans Rednerpult. Rasch entfaltet er seinziemlich umfangreiches Manuskript. Alles ist darin Wort für Wort vorge-zeichnet. Für rhetorische Abweichungen ist kein Raum gelassen. DerKanzler hat auch keine Gelegenheit dazu, denn Zwischenrufe erfolgenkaum, und wenn welche laut werden, sind sie belanglos und erheischen keineErwiderung."

Ein solches Ablesen einer Rede wäre vor fünfzehn oder zwanzig Jahrenbei uns nicht möglich gewesen, geschweige denn auch heute in irgend-einem anderen Lande. Ein französischer, italienischer oder englischerMinister, der an seinem Manuskript kleben würde wie ein unbeholfenerKandidat der Theologie, der seine Predigt nicht zu Ende bringen kannohne ein großes weißes Papier vor sich, würde dort unter allgemeinem Hohn-