DIE BALANCIERSTANGE
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würdige Träume —, Hohenlohe schnitte mir die Fußnägel!! Ich weigertemich lebhaft und begriff es nicht. ,Sehen Sie denn nicht', sagte er, ,daßdiese gekrümmte Lage mir jetzt die bequemste ist?' Dieser Unsinn wärewahrhaftig ein Vorbild für den Simplicissimus! Du wirst mir, wenn wir unswiedersehen, erzählen, wie die Wendung in Homburg kam, die Dichplötzlich zum ersten Manne im Deutschen Reich machte. Es scheint in demZwiegespräch zwischen Kaiser und Hohenlohe die Lösung etwas Unab-sichtliches' gehabt zu haben. Im Leben geht es bisweilen so zu. Ein Vettervon mir machte in einem Hause einen Besuch mit der Absicht, der Mutteranzudeuten, daß er die Tochter nicht heiraten könne. Als er aber davon zustammeln begann, schloß ihn die Mutter in die Arme und holte schnell dieTochter. So war denn alles plötzlich anders gekommen, als er es sich ge-dacht hatte! Wie schwer Du es haben wirst, mein geliebter Bernhard, dasspüre ich schon in den Zeitungsbemerkungen, die den ,starken Mann' inDir ganz unverhüllt betonen zur Zügelung des armen lieben Herrn.Deutschland befriedigen und den Kaiser nicht verletzen — das steht aufDeiner Fahne. Gott wird Dir auf dem Seile, auf dem Du gehen mußt, dieBalancierstange halten — das ist meine Hoffnung und meine Zuversicht!Daß Du als Entree Europa Dein Abkommen mit England vorsetztest, ist,abgesehen davon, daß die Sache unvergleichlich an sich ist, ein Meister-stück Deiner Taktik. Dein treuer alter Philipp."
Eulenburg war, nachdem er sich in der Gunst des Kaisers festgestzthatte, eifrig und ehrlich bemüht gewesen, die Aufmerksamkeit SeinerMajestät auf mich zu lenken. Er war überzeugt, daß ich dem Kaiser wiedem Lande würde nützliche Dienste leisten können. Es war ihm auch er-wünscht, einen Freund in einflußreicher Stellung zu haben. Und endlichwar er, wie ich auch heute noch überzeugt bin, von herzlicher Freundschaftfür mich erfüllt seit der Zeit, da ich ihm und seiner Familie in Paris näher-getreten war. Er hatte gemeinsam mit seinem damaligen Intimus, späterenTodfeind Holstein meine Ernennung zum Botschafter in Rom eifrig be-trieben. Später hatte er alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit ich, nichtgerade zu meiner Freude, als Staatssekretär nach Berlin berufen wurde.Meine Erhebung zum Reichskanzler dagegen entsprach weder seinen Er-wartungen noch seinen intimeren Wünschen. Nicht als ob er mir gegenübergemeinen Neid empfunden hätte. Aber einmal war, wie ich von Lucanuswußte, sein Kandidat für den Reichskanzlerposten der Fürst Hermann vonHohenlohe-Langenburg, an dessen Stelle als Statthalter in Straßburg erselbst zu treten wünschte. Straßburg blieb bis an das Ende seiner Laufbahndas letzte Ziel seines Ehrgeizes. Und endlich fürchtete er wohl, daß ich alsReichskanzler dem Kaiser persönlich näherkommen würde als er selbstund daß er dadurch nach und nach für Seine Majestät entbehrlich werden