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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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PHILIPP EULENBURG LEGT SICH ZU BETT

BülouisKanzlerschaft

hatten unter der Indiskretion Seiner Majestät zu leiden. Der Kaiser konnteaber auch verschwiegen sein wie das Grab. So hatte er seinem IntimusEulenburg, obwohl dieser, als ich nach Hubertusstock berufen worden war,dort in der kaiserlichen Umgebung weilte, kein Wort davon gesagt, daß erdie Absicht habe, mir die Nachfolge des Fürsten Hohenlohe anzutragen.Meine Ernennung zum Kanzler kam daher Eulenburg, der inzwischenEulenburgs nach Wien zurückgekehrt war, völlig überraschend. Wie meist in solchenStellung zu Fällen, rettete er sich dadurch, daß er sich zunächst ins Bett legte. Erstvierundzwanzig Stunden nachdem er meine Ernennung erfahren hatte,schrieb er mir:Geliebter, guter Bernhard, ich liege an Erkältung zu Bett,doch kann ich meinen Dienst verrichten und viel, viel über Dich nach-denken. Zu schreiben vermochte ich vorgestern und gestern nicht; ich warzu elend. Als ich jung war und der damals so schönen Elisabeth Hatzfeldthuldigte, schrieb sie mir in ein Stammbuch: ,Nicht träumen sollt ihr euerLeben erleben sollt ihr, was ihr träumt!' Nun, ich habe in vieler Hin-sicht mehr erlebt, als ich geträumt habe; im ganzen aber total andereDinge, als ich geträumt habe und schreckliche dazu. Du hast abergenau das erlebt, was Du geträumt hast und zwar mit einer seltsamenStetigkeit vorschreitend, für die Du Gott sehr dankbar sein mußt. Dubist nicht, wie ich, herumgezerrt und -gerissen worden in erschreckendenKurven und hast nicht schließlich statt des geträumten Lorbeers um dieHarfe einen Fürstenhut, ganz auf dem linken Ohr hängend, erwischt! Eineder besten Aufgaben, zu denen mich aber Gott bestimmte, war mein Ein-greifen in Deinen Lebensgang. Dieses Eingreifen, das ich stets als eineMission empfunden habe. Ich weiß sehr genau, was ich von gewissensehr seltsamen und feinen Empfindungen zu halten habe, die mich bisweilenergriffen! Erinnerst Du Dich eines langen Gespräches auf der grünenSemmeringer Matte, wo wir das Programm machten: Du solltest Staats-sekretär eine Zeitlang bleiben, um das Berliner Terrain, die innere Politikä fond kennenzulernen. Dann solltest Du Reichskanzler werden zu einemAugenblick, wo keine Krise bestünde. Das ist merkwürdig genau ein-getroffen, wenn mir auch, das gestehe ich offen, die Zeit als Staatssekretärfür Dich etwas lang wurde. Daß schließlich die Wendung so schnell ein-treten konnte, daß Du mir acht Tage vorher in Berlin noch das VerbleibenHohenlohes als unumstößlich darstellen konntest, spricht dafür, daß wirin der Zeit der Überraschungen leben. Ich gestehe Dir, daß ich nicht daranglaubte, daß Hohenlohe noch einmal vor den Reichstag treten würde. Einsehr alter Mann kann ja der Welt viel bieten, er nähert sich auch darindem Kinde, ehe die öffentliche Meinung ,stutzig' wird, aber hier war docheigentlich die Grenze des Möglichen lange überschritten, und das wirdLucanus auch gefunden haben. Mir träumte letzthin es gibt eben merk-